Datum: 23.12.2016 | Autoren: Kristina Adler-Wölfl, Sylvia Sakl-Oberthaler, Heike Krause
Adresse: 1170 Wien, Hernalser Hauptstraße 62 | Zeitstellung: Spätmittelalter, Neuzeit

Von 25.2. bis 22.3. 2013 fanden Grabungen unter dem Bodenniveau des vorderen östlichen Kellerraumes des Hauses Wien 17, Hernalser Hauptstraße 62 statt.

Anlass für die Grabungen  waren Befunde und Funde, die bereits im Herbst 2012 bei Baubeobachtungen im Zuge des Um- bzw. Neubaus des Objektes Jörgerstraße 47/Hernalser Hauptstraße 60–62 festgestellt wurden. Es handelte sich dabei vor allem um massive Brandschichten und – als datierenden Fund – einen handgeformten spätmittelalterlichen Ziegel.

Der Kellerraum hatte eine Größe von knapp 30 m2, war aber in den Randbereichen stark durch moderne Hochdruckbodenvermörtelung gestört. Eine weitere Störung bildete eine über die gesamte Grabungsfläche etwa Nord-Süd verlaufende, ca. 0,4 m breite und ca. 0,3 m tiefe Künette für ein Bleirohr.

 

Überblicksplan mit den Befunden der archäologischen Untersuchungen, überlagert mit dem Hausgrundriss im Jahr 1881.
Überblicksplan mit den Befunden der archäologischen Untersuchungen, überlagert mit dem Hausgrundriss im Jahr 1881.

Topographie – Historischer Kontext [1]

Das seit 1892 zu Wien gehörende Dorf Hernals liegt im Westen der Stadt, an den Ausläufern des  Wienerwaldes. Bestimmend für die Besiedlung war die Hanglage am Alsbach, der im Wienerwald  beim Exelberg entspringt. In Hernals verlief er im Mittelalter und in der frühen Neuzeit etwa im Bereich zwischen der heutigen Jörgerstraße und der Hernalser Hauptstraße. Noch vor 1044 schenkte Graf Sigehard dem Kloster St. Peter in Salzburg zwei Hufen, die an der Als lagen. Ob sich die genannten Hufen auf die Gegend von Hernals oder Dornbach beziehen, bleibt jedoch unklar.[2] Um 1133–1136 kommen Diepold und Nending de Alse als Zeugen in einer Urkunde des Markgrafen Leopold III. vor.[3] 1302 wird eine Kirche St. Johann der Herren Als erstmals genannt.[4]
Der Standort des mittelalterlichen Dorfes Hernals wird wohl um die mittelalterliche Pfarrkirche und  das Schloss anzunehmen sein, die etwa zwischen dem heutigen Elterleinplatz und der  Kalvarienbergkirche lagen. Ausgehend von diesem Siedlungskern entwickelte sich das Dorf vermutlich entlang eines Weges, der am Hang südlich des Alsbaches verlief.[5]
Während der Ersten Türkenbelagerung 1529 wurde Hernals durch Brände stark zerstört, danach  entwickelte es sich unter den Familien der Geyer und Jörger zu einem Zentrum des Protestantismus. 1620 setzte schließlich die Gegenreformation ein, die den Einzug der Güter der Jörger durch den  kaiserlichen Fiskus und die Rekatholisierung bedeutete. In der Folge wurde ein Prozessionsweg von St. Stephan in Wien nach Hernals eingerichtet, wo man ein Heiliges Grab errichtete. 1639 fand die erste Wallfahrt statt.

Zusammenfassende Interpretation

Trotz der begrenzten Untersuchungsfläche von nur knapp 30 m2 konnte bei der Grabung Hernalser Hauptstraße 62 ein aufschlussreicher Einblick in das spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Dorf Hernals  gewonnen werden. Es ließen sich drei Besiedlungshorizonte feststellen, von denen der erste lediglich in Form von zwei Gruben fassbar war (Phase 1).

Zur Phase 2 gehörte eine Ost-West gerichtete Steinsetzung, an die sich im Norden und Süden ein  festes Bodenniveau anschloss, und eine Grube. Diese war von eben diesem Bodenniveau aus  zugänglich und diente aufgrund ihrer Form (ebener, fester Boden und steile Wandung) vermutlich als  Vorratsgrube. Wie die bei der vorangegangenen Baubeobachtung festgestellten Grubenoberkanten  zeigten, befanden sie sich zur damaligen Zeit auf ebenerdigem Niveau und nicht – wie heute – im  Kellerbereich. Die Lage des zu den Befunden von Phase 2 gehörenden Gebäudes muss aufgrund der räumlich sehr eingeschränkten Grabungsfläche allerdings offen bleiben.

Phase 2: Steinsetzung, Lehmboden und Reste von Holzbrettern.
Phase 2: Steinsetzung, Lehmboden und Reste von Holzbrettern.

Die Siedlungsphase 2 wurde durch ein Brandgeschehen beendet, das sich auf Basis der Datierung der Keramikfragmente aus der Brandschicht möglicherweise mit den Zerstörungen während der Ersten Türkenbelagerung 1529 in Verbindung bringen lässt.

In Phase 3 wurde dann eine Mauer errichtet, die als Zungenmauer anzusprechen ist. Südlich an sie  anschließend befand sich ein mit einem Lehmboden versehener Bereich, der deutlich weiter nach Süden reichte und höher lag als jener der Phase 2. Die Mauer hatte schon wegen ihrer nur einschaligen Bauweise wohl keine tragende Funktion in einem Kernbereich eines Hauses. Für eine Lage im hinteren Hofbereich eines Gebäudes spräche auch ein Vergleich mit dem – allerdings späteren – Franziszeischen Kataster. Nimmt man an, dass die dort eingezeichnete Hauptstraße von Hernals etwa dem Verlauf der frühneuzeitlichen Hauptstraße folgt, dann befände sich die Grabungsfläche etwas nördlich von dieser Straße. Der Hauptteil des zugehörigen wohl nur sehr kleinen Gebäudes wäre dann südlich der Grabungsbefunde zu lokalisieren  und von der Hauptstraße aus zugänglich gewesen. Für diese Orientierung des Hauses nach Süden spricht auch die Tatsache, dass nördlich der Mauer kein Gehniveau mehr erkennbar war.

Phase3: Trennmauer im Kellerraum. | Brandhorizont und gestampfter Lehmboden.
Phase3: Trennmauer im Kellerraum. | Brandhorizont und gestampfter Lehmboden.

Die Strukturen von Phase 3 wurden schließlich ebenfalls durch einen Brand zerstört – vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Von diesem Brandgeschehen zeugen ein verkohlter Holzbalken, der südlich der Mauer auf dem Lehmboden lag, verkohlte dünne Holzbretter auf diesem Lehmboden und eine zum Teil massive Brandschicht.

Die Grabung Hernalser Hauptstraße 62 gibt damit einen zwar sehr kleinräumigen, dafür aber gut  datierbaren Einblick in das spätmittelalterliche/frühneuzeitliche Dorf Hernals, von dem – abgesehen  von den Fundpunkten St. Bartholomäus-Platz (frühneuzeitliche Bestattungen) und Hernalser  Hauptstraße 20–22 (bereits weiter östlich, außerhalb des Siedlungskerns) – archäologisch bisher kaum etwas bekannt war.

[1] Eine vollständige Auswertung der Ausgrabung liegt vor: K. Adler-Wölfl/S. Sakl-Oberthaler mit Beiträgen von H. Krause, I. Gaisbauer, Ch. Ranseder, K. Tarcsay, S. Czeika und M. Mosser, Zur Geschichte des Hauses Wien 17, Hernalser Hauptstraße 62 – Bauliche Überreste des Spätmittelalters und der Neuzeit. Fundort Wien 17, 2014, 22–78.
Zur Geschichte von Hernals siehe auch: H. Krause, M. Mosser, Ch. Ranseder et al., Hernals. Die archäologischen Ausgrabungen. Wien Archäologisch Band 12, Wien 2016.
[2] Klaus Lohrmann, Die Besitzgeschichte des Wiener Raums vom Ausgang des 11. bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts, Jahrb. Ver. Gesch. Stadt Wien 35, 1979, 60–62; Klaus Lohrmann/Ferdinand Opll, Regesten zur Frühgeschichte von Wien, Forsch. u. Beitr. Wiener Stadtgesch. 10, Wien 1981, 34 Reg. 13.
[3] Heide Dienst, Regionalgeschichte und Gesellschaft im Hochmittelalter am Beispiel Österreichs, Mitt. Inst. Österr. Geschforsch. Erg. 27, Wien/Köln 1990, 245 Reg. 15. Lohrmann/Opll 1981 (siehe oben), 39 Reg. 50 (vor 1136).
[4] Urkunden der Benedictiner-Abtei unserer lieben Frau zu den Schotten in Wien vom Jahre 1158 bis 1418, hg. v. Ernest Hauswirth (FRA II/18), Wien 1858, Nr. XCI, 110.
[5] Vgl. die Darstellungen von Hernals aus dem Jahr 1649 bei Matthäus Merian: M. Merian, Topographia Provinciarum Austriacarum …, Frankfurt a. M. 1649, Reprint Wien 2005, Abb. zwischen S. 42 und 43.

Funde aus der Ausgrabung
Graphitierte Kacheln