Datum: 24.08.2016 | Autor: M. Mosser, K. Adler-Wölfl
Adresse: 1030 Wien, Rasumofskygasse 29-31 | Zeitstellung: Urgeschichte, Römisch, Mittelalter, Neuzeit

Im Rahmen der Errichtung der neuen Unternehmenszentrale am Rochusmarkt wurden von der Stadtarchäologie Wien von Mai 2014 bis März 2015 im Hofbereich des Postareals archäologische Untersuchungen auf dem geplanten Baugelände durchgeführt. Das betroffene Gebiet liegt zwischen der Rasumofskygasse im Westen, dem Grete-Jost-Park im Norden sowie der Erdbergstraße und dem Rochusmarkt im S bzw. SO und umfasste insgesamt ca. 4000 m².
Überblick über die Grabung.
Überblick über die Grabung.

Frühneolithische, spätlatènezeitliche und spätmittelalterliche Siedlungsspuren

Die Ergebnisse der Ausgrabungen lieferten für zumindest drei Epochen der Wiener Stadtgeschichte bahnbrechende Erkenntnisse. So konnte mit einem frühneolithischen Langhaus der bislang älteste Siedlungsbefund auf Wiener Boden dokumentiert werden. Mit römischer Ware innerhalb spätlatènezeitlicher Fundkomplexe gelang der früheste Nachweis römischer Präsenz lange vor der Errichtung des Legionslagers Vindobona. Schließlich konnte durch die Entdeckung eines mächtigen Sohlgrabens erstmals der archäologische Nachweis einer mittelalterlichen Wiener Vorstadtbefestigung erbracht werden.

Frühneolithikum – Linearbandkeramische Kultur

Über dem anstehenden Löss der Wiener Stadtterrasse folgte ein ca. 60 cm hohes Kolluvium aus hellbraunem, sandigem Lehm, in welchem etwa auf halber Höhe ein durchgehender Horizont mit einer Häufung an linearbandkeramischen Funden dokumentiert werden konnte. Diese Keramik fand sich auch in einer Reihe von Gruben und Mulden und im Bereich eines durch Gräben und Pfostenlöcher nachgewiesenen Langhauses dieser Kultur. Diese Funde und Befunde konzentrierten sich auf den nordöstlichen Teil der Grabungsfläche.
An der nördlichen Grabungsgrenze belegten zwei parallele Wandgräbchen, welche drei Reihen von ebenfalls parallel dazu verlaufenden Pfostenlöchern bzw. Pfostengruben einfassten, ein 5,60 m breites und mindestens 14 m langes frühneolithisches Gebäude.

Pfostenlöcher und Wandgräbchen eines frühneolithischen Langhauses (Linearbandkeramische Kultur).

Spätlatènezeit

Im Nordosten des Grabungsgeländes war auf einer Fläche von ca. 500 m2 eine dichte Abfolge spätlatènezeitlicher Objekte festzustellen. Eines der Charakteristika dieser Objekte war das mehr oder weniger gehäufte Auftreten von fossilen Harzen in allen Verfüllschichten als Überreste einer anzunehmenden Schmuckperlenproduktion.
Zwischen zwei Grubenhäusern folgte eine große, in der Grundfläche annähernd kreisrunde Grube mit einem oberen Durchmesser von mindestens 3 m. Als ihr Charakteristikum kann die hohe Anzahl an Tüpfelplattenfragmenten in der Verfüllung als Nachweise einer keltischen Schrötlingsherstellung gesehen werden.

Die spätlatènezeitlichen Siedlungsstrukturen können mehreren Wirtschafts- bzw. Gewerbebetrieben zugeordnet werden. Der hohe Wasserbedarf dieser Werkstätten manifestierte sich in der Existenz von sechs Brunnen. Dazu kommen wiederum drei bis über 4 m tiefe Schächte, deren Funktion vorläufig ungeklärt bleiben muss. Zwei Grubenhäuser und eine Reihe weiterer kleinerer Gruben komplettieren das Bild eines wohl im Nahbereich des eigentlichen Siedlungszentrums zu lokalisierenden Wirtschaftsareals.

Einer von insgesamt sechs aufgedeckten spätlatènezeitlichen Brunnenanlagen.

Dass in dieser Siedlung auch römische Artefakte gefunden wurden, darf als kleine Sensation bezeichnet werden: Erstmals wird das direkte Aufeinandertreffen von Römern und Kelten im Wiener Raum konkret fassbar. Mehrere Schreibgriffel und eine Siegelkapsel liefern darüber hinaus den Beleg für den ersten „Briefverkehr“ nach Wien.

Spätmittelalter

Alle mittelalterlichen Befunde der Grabung stehen im Kontext zur mittelalterlichen Vorstadt St. Niklas und dem noch vor 1228 gegründeten Zisterzienserinnenkloster St. Maria bei St. Niklas vor dem Stubentor, dessen Überreste westlich der untersuchten Grabungsfläche zu vermuten sind.
Neben einem sogenannten Erdstall und einem Brunnen (u. a. verfüllt mit entsorgten Tierkadavern) ist es vor allem der in den Quellen aus dem Jahr 1444 nachweisbare, mächtige, 3 m tiefe und 20 m breite Umfassungsgraben der Vorstadtbeferstigung, welcher das um 1200 gegründete und 1529 im Zuge der Türkenbelagerungen zerstörte Kloster St. Niklas umgab.

Mittelalterliche Erdställe
Mittelalterliche Erdställe

Neuzeit

Für das Gelände des abgetragenen Klosters und des Sohlgrabens sind ab der Zweiten Türkenbelagerung 1683 Grundbesitzer belegbar, wodurch spätestens bald danach eine Errichtung des aus dem 18. Jahrhundert bekannten Palais Mesmer als wahrscheinlich anzunehmen ist.

Spätmittelalterlicher Sohlgraben der Vorstadt St. Niklas vor dem Stubentor in seiner Breitenausdehnung, nach Osten. Links oben überbaute nördliche Orangeriemauer des Palais Mesmer.

Neueste Erkenntnisse von den Ausgrabungen am Rochusmarkt zeigt die Wechselpräsentation „Als Römer auf Kelten trafen“ im Römermuseum noch bis 17. April 2017.

Funde aus der Ausgrabung:
Schröpfkopf
Granate