Datum: 20.02.2017 | Autor: Constance Litschauer
Adresse: 1010 Wien, Rabensteig 3 | Zeitstellung: Römisch, Mittelalter, Neuzeit

Ein geschichtsträchtiges Haus in der Wiener Innenstadt

In dem heute auch als Bermuda-Dreieck geläufigen, in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Architekten Josef Kornhäusel (1782–1860) geprägten Wiener Innenstadtgrätzl befindet sich an der Ecke Rabensteig 3/Seitenstettengasse 6 ein bis vor kurzem durch sein archaisch wirkendes äußeres Erscheinungsbild etwas aus dem dortigen Rahmen fallendes Gebäude (Abb. 1). Das sich an den Hang der Wiener Stadtterrasse (Abb. 2) schmiegende und denkmalgeschützte Haus verfügt heute über vier Obergeschosse, drei Lichthöfe sowie einen Keller im Süden, wobei die seit den 1960er Jahren stark vereinfachte Fassade bis zu den aktuellen Umbauarbeiten profilierte Fensterrahmungen und ein Konsolgesims aufweist.[1] Angrenzend an den ebenfalls von Kornhäusel gestalteten jüdischen Stadttempel soll es in Zukunft dem Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (Vienna Wiesenthal Institute) eine neue Heimat bieten. Die für dessen Einrichtung nötigen und vom Bundesdenkmalamt betreuten Umbauarbeiten [2] ermöglichten es in den Jahren 2013 und 2014 bauhistorische Forschungen durch Paul Mitchell und eine archäologische Grabung der Stadtarchäologie Wien durchzuführen. Neben Informationen, die aufgrund der Lage des Hauses zur Stadtgeschichte gewonnen werden konnten, erbrachten die Untersuchungen Erkenntnisse zur Baugeschichte des Steinhauses, die bis ins 12. Jahrhundert verfolgt werden kann. In diesem Zusammenhang macht es seine umfangreiche historische Bausubstanz zu einem der historisch bedeutungsvollsten Profanbauten in der Wiener Innenstadt.[3]

Abb. 1: Das Haus Rabensteig 3 am Beginn der Bauarbeiten nach Norden in Richtung Donaukanal. | Abb. 2: Blick auf den anstehenden Löss der Wiener Stadtterrasse, an die sich das Haus Rabensteig 3 schmiegt.

Römerzeitliche Reste (vgl. Plan 2)

Die nähere Umgebung des Gebäudes ist durch das Plateau der Wiener Stadtterrasse und eine auf eine Hangrutschung um 300 n. Chr. zurückgehende Geländekante zum heute regulierten Donaukanal hin geprägt. Dieser entspricht dem früher hier verlaufenden, schiffbaren südlichsten Donauarm. Auf der strategisch günstig gelegenen Erhöhung entstand ab ca. 100 n. Chr. das römerzeitliche, ursprünglich rechteckige und rund 400 x 500 m² große Legionslager von Vindobona, das ab Hadrian zum Hauptlager der 10. Legion und um 420/430 n. Chr. aufgelassen wurde. Sein heute bekannter, eigentümlich trapezförmiger Grundriss geht auf die zuvor erwähnte Naturkatastrophe zurück.
Die noch immer mit Donaukanal bzw. Salzgries im Norden, Rotenturmstraße im Osten, Naglergasse bzw. Graben im Süden sowie Tiefer Graben im Westen im Stadtplan erkennbaren Konturen der Lagerbegrenzung verweisen dabei auf die markante Lage des Gebäudes Rabensteig 3 im Bereich der Nordostecke des antiken Befestigungsbaus.

Plan 2: Rekonstruktion der mittelalterlichen Stadterweiterung in Wien.

Die aktuellen Ergebnisse ermöglichen es nun gemeinsam mit den in den umliegenden Gebäuden bei Altgrabungen aufgedeckten Mauer- und Grabenresten zur genaueren Verortung der bis heute unklaren Ausdehnung des Legionslagers von Vindobona in Richtung Osten sowie der Nordostecke beizutragen. (s. Plan 1 und vgl. Plan 3)

Plan 1: Legionslager Vindobona: Rekonstruktion des Verlaufs der Befestigung im Bereich Nordostecke.

In diesem Zusammenhang kann ein zumindest 1,5–2 m starkes, sich nach unten verbreiterndes Mauerfundament im Bereich der Westmauer von Raum EG1 den Rest der antiken Lagermauer oder eines vorkragenden Turms dargestellt haben (Abb. 3). Für die zeitliche Einordnung sprechen seine Lage vor Ort und im Mauerverband, die Verwendung von festem weißlichem Kalkmörtel und plattigen Kalksandsteinen wie Sieveringer Flysch sowie die Nutzung der darunter gelegenen natürlichen Flussschotterschicht als Unterbau.
Die in der Fläche aufgenommenen Reste ergaben schließlich auch Aufschluss für das die Lagermauer umgebende Grabensystem (Abb. 4), das im Allgemeinen aus mehreren Gräben, Wällen, Pallisaden und Fallgruben bestand. So ließ der im Zug der aktuellen Untersuchungen angetroffene, nach unten spitz zulaufende Befestigungsgraben auf ein gut mit anderen römischen Standlagern vergleichbares, oft drei Einzelsegmente umfassendes spätantikes Grabensystem schließen. Die Identifizierung als innerster Spitzgraben des Verteidigungssystems legen seine Lage und die aufgrund der angetroffenen Reste anzunehmende Breite von ca. 6 m nahe. Aufgrund der in abgerundeter Form angetroffenen nordöstlichen Ecke des Grabens lassen sich im Weiteren nicht nur die Lagerausmaße in Richtung Osten, sondern auch nach Norden hin besser rekonstruieren.

Abb. 3: Römerzeitliches Fundament nach Westen. | Abb. 4: Blick nach Norden auf den ausgegrabenen römerzeitlichen Spitzgraben.

Erste hochmittelalterliche Befunde aus der Zeit der Stadterweiterung (vgl. Plan 2)

Nachdem das Fundmaterial für die Völkerwanderungszeit keine Besiedlung für Wien annehmen lässt, setzen spärliche Belege erst wieder im 9./10. Jahrhundert im ehemaligen Lagerbereich oberhalb des untersuchten Grundstückes ein und zeigen, dass zumindest zeitweise Personen anwesend gewesen sein mussten. Die besonders ab dem 12. Jahrhundert weiter zunehmenden Spuren sprechen schließlich für eine erste mittelalterliche Besiedlung im Bereich des früheren Lagerareals, wofür beispielsweise die ältesten Reste der nur rund 50 m entfernten Ruprechtskirche sprechen. In dieser Phase ist nach derzeitigem Forschungsstand außerdem davon auszugehen, dass die damals noch sichtbaren römischen Befestigungsreste adaptiert und stellenweise erneuert wurden, ehe sie unter Leopold VI. (1198–1230) im Zuge einer ersten Stadterweiterung durch einen ca. 4 km langen Stadtmauerring – die sog. Babenberger Stadtmauer ersetzt wurden. An die erste, trotz des erst 1221 verliehenen Stadtrechts als erste Wiener „Stadtmauer“ geläufige Umwallung erinnerte lange Zeit das 1825 abgebrochene und schon im 15. Jahrhundert als „Altes Stadttor“ bezeichnete Katzensteigtor. Es war im Bereich der Nordwestecke des Hauses zwischen die Gebäude Seitenstettengasse 4 und Seitenstettengasse 6 (= Rabensteig 3) gespannt.
In diesen Zusammenhang kann jetzt auch ein im untersuchten Haus auf einer Länge von rund 2 m angetroffener Mauerbefund gestellt werden, der direkt an den Lösshang der Stadtterrasse gestellt war (Abb. 5). Das knapp 1 m starke, mehrfach reparierte Mauerwerk aus einer Mauerspeise aus Bruchsteinen und Quadersteinen an der Außenschale mit einem Bruchsteinfundament kann am ehesten ins 12. Jahrhundert datiert und wohl als Teil der ersten Babenberger Umfassungsmauer des hochmittelalterlichen Wiens angesprochen werden.
Nur rund 0,5 m unterhalb des jetzigen Gehniveaus konnten außerdem bodenarchäologische Schichten aufgedeckt werden, die in Form von verschiedenen Planier-, Arbeits- und Gehhorizonten an Tätigkeiten im Zuge der Stadterweiterung erinnerten. Die dieser Phase zuzuordnenden Gruben waren in den anstehenden Löss eingetieft und umfassten Arbeits- und Entnahmegruben (Abb. 6) sowie eine Werkgrube unbekannten Zwecks und zwei Latrinen.

Abb. 5: Mehrfach reparierte Umfassungsmauer aus dem 12. Jahrhundert nach Westen. | Abb. 6: Hochmittelalterlicher Grubenhorizont der Stadterweiterungsphase nach Süden.

Auch wenn die damaligen Besitzverhältnisse des Grundstücks heute nicht mehr eindeutig geklärt werden können, ist in dieser Phase mit einer ersten Vorverbauung zu Wohnzwecken am Grabungsareal zu rechnen. Spätestens jetzt wurde der römische Spitzgraben verfüllt und es entstand bis zum ausgehenden 13. Jahrhundert eine noch leicht nach Osten verschwenkte Fachwerksverbauung (Abb. 9). Dieser sich bereits annähernd bis zur heutigen Grundstücksgrenze erstreckenden Vorverbauung sind mehrere Öfen und Feuerstellen sowie weitere Bodenschichten und Gruben zuzuordnen (Abb. 10/11).

Abb. 9: In erste Planierschichten eingetiefte Pfostengruben und Stangenlöcher der ersten hochmittelalterlichen Holzbauphase. | Abb. 10: Ofenrest, nach Osten. | Abb. 11: Herdplatte aus Ziegelsteinen, nach Süden.

 

Das erste Steinhaus wird errichtet (vgl. Plan 3)

Um 1300 wurde schließlich ein erster mehrgliedriger Steinbau am Gelände angefertigt, der bereits teilweise über ein Obergeschoss und im Süden über drei Kellerräume verfügte. Der größte Teil der damaligen Substanz blieb im Fundamentbereich erhalten und umfasste zumeist lagerhafte Bruchsteinmauern, welche die in den Raumecken gelegenen Pfostenlöcher der Vorverbauung überbauten. Des Weiteren konnte als eines der vielen Highlights ein in der barocken Nordmauer von Raum EG2 in situ angetroffenes, beschädigtes gotisches Spitzbogenportal dieser Bauperiode dokumentiert werden (Abb. 12). In diesem Zusammenhang erinnert ein in Raum EG2 noch im Mittelalter sekundär eingebauter Gang, der in Nordsüd-Richtung auf den Bogen fluchtete, an die sich immer wieder ändernden Raumstrukturen.
Die entsprechenden bodenarchäologischen Schichten umfassten neben Planierschichten zumeist Fußböden in Form von Stampflehm- und Estrichbelägen (Abb. 13), die auch in den folgenden Bauperioden noch gerne eingebaut wurden. Die oft fehlenden Oberkanten der einzelnen angetroffenen Befunde belegen dabei eine bis zu diesem Zeitpunkt ebenfalls zumindest größtenteils durchgeführte Geländebegradigung bzw. -absenkung, die bereits annähernd dem heutigen Gehniveau entsprochen hat.

Abb. 12: Blick nach Norden auf den Gang und den vermauerten Spitzbogen. | Abb. 13: Fußbodenhorizont, nach Osten.

 

Die Entwicklung des spätmittelalterlichen Hauses (vgl. Plan 3)

Mit der aufgrund des Mauerwerks ins 14. Jahrhundert zu setzenden Erbauung eines repräsentativen vierstöckigen Wohnturms im Bereich des im Nordwesten des Erdgeschosses eingerichteten renaissancezeitlichen Einstützenraums (Raum EG5) mehren sich schließlich auch die namentlichen Nennungen von Besitzern (Abb. 14 und 15). So können der in einem Kaufvertrag aus dem Jahr 1376 genannte Verkäufer des Grundstücks, Andreas (II.) Hutstock oder auch der Käufer Thoman der Redler, chirichmeister der Stephanskirche durchaus den Erbauer dieses repräsentativen Ausbaus darstellen. Mit der Einrichtung des Hofquartierwesens unter Erzherzog Ferdinand I. (1521–1564) vor 1554 liefern schließlich auch die bis ins 18. Jahrhundert verfassten Hofquartierbücher schriftliche Zeugnisse zu den Besitzern und Bautätigkeiten. Die bereits in den Büchern festgehaltenen, sich allerdings noch mehrfach ändernden Nummerierungen zeigten außerdem, dass das Gebäude bis knapp vor 1566 immer wieder mit dem benachbarten Grundstück Seitenstettengasse 4 vereint war und dass die Besitzer des Hauses den unterschiedlichsten Schichten des Wiener Bürgertums zuzuordnen sind. So fanden sich unter den überlieferten Hauseigentümern auch namhafte Bürger des 15. Jahrhunderts, wie der Ratsherr Hanns Weinperger und der Stadtrichter Kristoph Pempflinger.

Abb. 14: Ausschnitt aus dem Vogelschauplan von Joseph Daniel Huber (1769–1773). (Wien Museum, Inv.-Nr. HMW 196.846) | Abb. 15: Blick auf einen Entlastungsbogen in der Westmauer des Erdgeschosses des Wohnturms.
Abb. 16: Spätmittelalterliche Fußbodenrollierung aus Keramikscherben. | Abb. 17: Westmauer des Raumes EG1 mit Rundbogenportal und römerzeitlichem Fundament. | Abb. 18: Rundlicher spätmittelalterlicher Brunnenschacht, nach Osten.

Die im Spätmittelalter oft als Mischmauern eingebrachten Baustrukturen kennzeichnen ein Gebäude, das neben dem Hausturm im Nordwesten und den Kellern im Süden über ein bereits massiv ausgebautes Obergeschoss und weiterhin mit Stampflehm- oder Estrichböden ausgestattete Erdgeschossräume verfügte (Abb. 16). Die bauhistorisch und archäologisch verifizierten Raumstrukturen umfassten unter anderem eine bis 1587 beibehaltene Hauseinfahrt im Bereich Raum EG1 mit einem vollständig erhaltenen steinernen Rundbogenportal (Abb. 17). Dieses zu einem hinteren Baukörper führende steinerne Tor soll wie die angetroffene Babenberger Quadermauer vor Ort ansichtig bewahrt werden. Seitlich der Einfahrt fand sich an passender Stelle gelegen der mehrphasige Hausbrunnen mit rundlichem Brunnenschacht aus spätmittelalterlichem Mischmauerwerk (Abb. 18). Sein Umbau zu einer Latrine kann aufgrund eines im zugehörigen Fallschacht aus dem oberen Stockwerk geborgenen Brettes aus Tannenholz, das 1626 gefällt wurde,[4] ins 17. Jahrhundert gesetzt werden. Er zeigt sich aber auch in Form eines aufgesetzten rechteckigen Schachts aus neuzeitlichen Mauerziegeln (Abb. 19). Etwas abgelegen davon fand sich in einer nicht untypischen, wenig sichtbaren Lage im Einstützenraum EG5 unterhalb der dortigen südöstlichen Mauerecke der ummauerte spätmittelalterliche Latrinenschacht aus Mischmauerwerk (Abb. 20). Er ersetzte wohl die älteren Latrinengruben, wie jene in Raum EG1/2, und wurde vermutlich durch das Umfunktionieren des Hausbrunnens aufgegeben. Die überlieferten Besitzverhältnisse des Stadtrichters Kristoph Pempflinger umfassten außerdem ein letztes Mal den gesamten Häuserblock Seitenstettengasse 4 und 6, wobei darauf ebenfalls die Gebäudebezeichnung „Pempflingerhof“ auf dem Stadtplan des Bonifaz Wolmuet aus dem Jahr 1547 hinweist (Abb. 21).

Abb. 19: Blick nach oben auf den jüngeren Teil des Brunnens. | Abb. 20: Reste des ovalen Latrinenschachtes unterhalb der Südostecke von Raum EG 5.
Abb. 21: Ausschnitt aus dem Stadtplan des Bonifaz Wolmuet aus dem Jahr 1547 in der Kopie von A. Camesina. (© WStLA, Kartographische Sammlung, Plan Nr. 236)

Frühzeitliche Baumaßnahmen (vgl. Plan 3)

Auch der ab 1555 als Eigentümer des Hauses genannte Steinmetz und Architekt Bonifaz Wolmuet, der einen für die Erforschung der Stadtgeschichte unentbehrlichen Stadtplan Wiens angefertigt hat, hinterließ Spuren am Gebäude. Diese zeigten sich besonders im Erdgeschossraum EG5 des Wohnturms, wo er ein ansprechend gestaltetes Salzhandelsgewölbe mit zentralem Steinpfeiler einrichten ließ (Abb. 22). Die allseitig abgefaste Mittelstütze verfügte über eine Seitenlänge von 0,6 m sowie eine abgesetzte Basis und trägt zwei parallele Stichkappengewölbe, die ein Kreuzgratgewölbe nachahmen.

Abb. 22: Blick nach Norden in den Einstützenraum mit zentralem Pfeiler. | Abb. 23: Blick nach Westen auf eine Planierung mit Kalksprenkeln und eingelassenem Schacht.

Eine in Raum EG3 angetroffene, sich durch Kalksprenkel auszeichnende Planierschicht kann in diesem Zusammenhang ein Hinweis auf die Arbeiten des kaiserlichen Steinmetzes und Baumeisters Ferdinands I. sein (Abb. 23). An seine Anwesenheit erinnert möglicherweise aber auch das Fundmaterial, da ein sekundär vermauertes Halbfabrikat eines Säulenfragments geborgen werden konnte, das aus dem im Wien der Renaissancezeit sehr beliebten Untersberger Marmor hergestellt wurde (Abb. 24). Weiters fanden sich in der Rollierung eines barocken Ziegelfußbodens in Raum EG5 wiederverwendete Fragmente von Schulpen (Abb. 25). Dieser Schalenrest von Sepien wird neben der heute bekanntesten Verwendung als Schnabelwetzstein für Käfigvögel auch im Steinmetzgewerbe verwendet, um angetrocknete Farbe von polierten Steinen zu entfernen.

Abb. 24: Werkstück einer Säule aus Untersberger Marmor. | Abb. 25: Fragmente von Schulpen aus dem Unterbau eines Fußbodens.
Abb. 26: Hölzerne Tiertränke mit Zulauf, nach Westen. | Abb. 27: Mittelalterlicher Pferdestriegel aus einer Grubenverfüllung.
Abb. 28: Vermauerte Säule der renaissancezeitlichen Säulenhalle nach Süden.

Das noch im gleichen Jahrhundert in den Besitz der Binder Peter Weiss und Eytel Freyer gelangte Gebäude zeichnete schließlich ähnlich weitreichende Ausbaumaßnahmen aus, die bis ca. 1587 durchgeführt wurden. Darunter fielen vor allem die Einwölbung des Keller- und Erdgeschosses sowie einiger Räume des ersten und des neuen zweiten Obergeschosses, das sich noch im Lauf dieser Periode über die gesamte Fläche erstreckte. Das mittelalterliche Rundbogenportal in Raum EG1 wurde verschlossen und im Südosten des Hauses wurde ein langgestreckter hallenartiger Raum errichtet, der aufgrund einer angetroffenen hölzernen Wasserrinne zumindest zeitweise als (Pferde)stall genutzt wurde (Abb. 26 und 27). Eine in der die Räume EG3 und EG4 trennenden neuzeitlichen Mauer verbaute, ursprünglich freistehende mehrfach gefasste toskanische Säule (Abb. 28) verweist außerdem auf die Einrichtung einer ansprechenden überwölbten Säulenhalle im Nordosten des Hauses.

Die renaissancezeitlichen archäologischen Bodenschichten umfassten hingegen nur noch selten Reste von Fußböden, da diese bei jüngeren Baumaßnahmen bereits abgetragen waren. Zu den wenigen Resten zählt vermutlich jedoch ein Horizont im Nordosten des Gebäudes, der sich durch viele strukturlos angeordnete Stangenlöcher auszeichnete. Sie sind funktional anzusprechen und können auf handwerkliche Tätigkeiten wie bekannter Weise das Brettchenweben hinweisen, aber möglicherweise auch bei handwerklichen Tätigkeiten im Steinmetz- oder Bindergewerbe entstanden sein.
Die besonders auf die Familie Lebenau zurückgehenden Umbauarbeiten des 17. Jahrhunderts bestanden in erster Linie aus weiteren Aufstockungsarbeiten im Bereich eines neu geschaffenen dritten Obergeschosses, aber auch aus der Verbesserung der Erschließung im Keller. Die bislang drei getrennten Keller wurden durch Gänge verbunden und es entstand ein neuer Kellerabgang entlang der westlichen Grundstücksgrenze, der vom Einstützenraum EG5 aus zugänglich war.

Das Josephinische Mietshaus entsteht

Nachdem das Gebäude vom Taschnermeister Anton Steinwalter erworben wurde, erfolgte durch den beauftragten Architekten Liborius Thaddäus Gerl (1735–1805) zwischen 1785 und 1789 schließlich die Einrichtung des einheitlich vier Stockwerke umfassenden Mietshauses gehobenen Standards. Im Zuge des Ausbaus „verschwand“ der Hausturm in der Ansicht, wie es auch auf der Vogelschau von J. D. Huber zu sehen ist (vgl. Abb. 14) und es erfolgte die beinahe vollständige Entkernung des nordöstlichen Hausteils. Ein neues großes Treppenhaus führt seither in die oberen Etagen, wo jeweils drei große und ein bis zwei kleine dunkle Wohnungen eingerichtet wurden. Die gutbürgerlichen Wohnungen verfügten bereits über drei bis vier mit Kachelöfen beheizte Räume und eine Küche, die acht kleinen lediglich über zwei dunkle Zimmer. Im gewerblich genutzten Erdgeschoss erinnerte eine mehrgliedrige steinerne Abwasserrinne mit Zulauf aus josephinischer Zeit an den insgesamt gehobenen Anspruch der Bewohner (Abb. 29).

Abb. 29: Blick nach Süden auf die steinerne Abwasserrinne des josephinischen Mietshauses. | Abb. 30: Stützmauern im Einstützenraum als Hinweis auf das Gehniveau im 19. Jahrhundert, nach Norden. | Abb. 31: Mit Ziegeln vermauerter älterer Kellerabgang, nach Süden.

Während der vor allem von Josef Kornhäusel geprägten Neugestaltung des Viertels in den 1820er Jahren erfuhr auch das Haus Rabensteig 3 Umbaumaßnahmen, die besonders das Erdgeschoss umfassten. Durch das in Folge der Erbauung des benachbarten Stadttempels veränderte Straßenniveau und dem Abbruch des Katzensteigtors 1825 musste das Fußbodenniveau im renaissancezeitlichen Einstützenraum um knapp einen Meter angehoben werden (Abb. 30). Damit war der ältere Kellerabgang im Westen aufzugeben und ein neuer steiler Abgang entstand im südlichen Gebäudeteil (Abb. 31).

Abb. 33: Backofenfundament einer in der 1. Hälfte des 19. Jahrhundert im Haus untergebrachten Bäckerei, nach Westen.

Weitere verhältnismäßig geringfügige Umbaumaßnahmen des 19. und 20. Jahrhundert sind häufig auf die ansässigen Gewerbetreibenden zurückzuführen und beschränkten sich ebenfalls hauptsächlich auf das Erdgeschoss. Als eindrucksvolle Relikte dafür fanden sich im Norden des Hauses massive Ofenfundamente und Reste von zum Teil noch verrußten Ziegelfußböden, die eine 1836/37 hier eingerichtete Bäckerei belegen (Abb. 33). Insgesamt wurden Grundriss und Raumaufteilung seit 1789 und auch während der jetzigen Sanierung jedoch kaum mehr verändert.
Somit konnten bei den Bauarbeiten in dem denkmalgeschützten Innenstadtgebäude nicht nur der vom 12. bis ins 19. Jahrhundert datierende Baubestand untersucht werden, sondern durch die archäologische Grabung auch die Vorverbauung am Areal, das sich aufgrund seiner Lage an einem markanten Punkt für Wiens Geschichte befindet. Es kann also gehofft werden, dass sich im Zuge der jetzt anstehenden Aufarbeitung einige der offenen Forschungsfragen lösen lassen.

[1] Dehio 2003, 794f.
[2] Zuständige Referentin für das Bundesdenkmalamt: Mag. Elisabeth Hudritsch; Planung: Architekturbüro DI Thomas Feiger; ausführende Baufirma: Baumeister Rudolf Denk GmbH
[3] Der Artikel basiert auf  C. Litschauer, Wien 1, Rabensteig 3, FWien 18/2015, 259–266, auf den im FÖ 54 in Kürze digital erscheinenden Bericht B (01004.14.05 Bericht-Teil B, C. Litschauer mit einem Beitrag von P. Mitchell) und auf P. Mitchell, Rabensteig 3. Untersuchung eines Hauses im Herzen Wiens. In: Günther Buchinger, Friedmund Hueber (Hg.), Bauforschung und Denkmalpflege. Festschrift für Mario Schwarz, Wien-Köln-Weimar 2015, 239-258. Dort finden sich auch weitere Literaturangaben.
[4] Die dendrochronologischen Untersuchungen wurden von Michael Grabner, Universität für Bodenkultur Wien durchgeführt.

Literatur
-) DEHIO-Handbuch, Die Kunstdenkmäler Österreichs, Wien. I. Bezirk – Innere Stadt (Wien 2003).
-) C. Litschauer, KG Wien 1-Rabensteig, FÖ 52, 2014, D5445–D5457.
-) C. Litschauer, Wien 1, Rabensteig, FWien 18/2015, 259-266.
-) P. Mitchell, Rabensteig 3. Untersuchung eines Hauses im Herzen Wiens. In: Günther Buchinger, Friedmund Hueber (Hg.), Bauforschung und Denkmalpflege. Festschrift für Mario Schwarz, Wien-Köln-Weimar 2015, 239-258.