Der Graben unter dem Graben. Eine kleine Tiefengeschichte von Kohlmarkt, Tuchlauben und Graben

Autorin: Barbara Wieser

Es gibt Orte in Wien, deren Gegenwart so stark ist, dass man ihre Vergangenheit beinahe übersieht. Der Graben sowie der Kohlmarkt gehören dazu. Man sieht Fassaden, Geschäfte, Schaufenster, Passanten, einen der teuersten und repräsentativsten Stadträume des Landes. Alles wirkt vollendet, gestaltet, urban gezähmt. Und doch ist gerade dieser Raum kein abgeschlossener Ort, sondern eine der dichtesten historischen Schnittflächen der Inneren Stadt.

Sohlgraben mit der aus schwemmschichtartigen Ablagerungen bestehenden untersten Grabenverfüllung im Keller des Hauses Graben 20. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Wie Künettengrabungen am Graben und Kohlmarkt 2000 Jahre Stadtentwicklung sichtbar machen

 Die Künettengrabungen der Jahre 2021 und 2024 vor Graben 19–20, Tuchlauben 2 sowie vor den Häusern Kohlmarkt 1 und 2 öffneten nur schmale Einblicke in den Boden. Aber diese Einblicke genügten, um sichtbar zu machen, wie wenig die heutige Stadt aus einem Guss entstanden ist. Unter dem Pflaster liegen nicht einfach „ältere Schichten“, sondern Entscheidungen, Umnutzungen, Wiederherstellungen und Verschiebungen. Jede Epoche hat den Ort anders genutzt – und doch immer auf dem aufgebaut, was bereits vorhanden war.

Überblicksplan zu den Befunden der Künettengrabung Wien 1, Graben / Kohlmarkt, 2024. (Plan: M. Mosser)

Am Anfang dieser Geschichte steht ein Tor. In römischer Zeit befand sich hier die porta decumana, das südliche Tor des Legionslagers Vindobona. Von dort führte die verlängerte via decumana aus dem Lager hinaus, über das Grabensystem hinweg, weiter zum heutigen Michaelerplatz und in Richtung Westen nach Cetium, dem heutigen St. Pölten. Der spätere Kohlmarkt bildet damit nicht zufällig eine bedeutende innerstädtischen Achse. Seine Rolle als Verbindung zwischen Hofburg, Graben und Stephansdom greift eine viel ältere Bewegungslogik auf.

Vindobona. Legionslager und Lagervorstadt (canabae legionis) mit Straßensystem, Ende 1. bis Anfang 5. Jahrhundert. (Plan: M. Mosser)
Überblicksplan zu den römischen Befunden der Künettengrabung Wien 1, Graben / Kohlmarkt und Rekonstruktionsversuch von Straße, Brücke, Grabensystem und Straßengräben. (Plan: M. Mosser)

Die römische Straße erschien 2024 – bei der archäologischen Baubegleitung im Zuge der Verlegung von Fernkälteleitungen – nicht als prachtvoll erhaltenes Straßenbild, sondern in archäologischer Nüchternheit: als Straßengraben, als Schotterung, als Planierung, als Hinweis auf Verbreiterung und Instandhaltung. Doch gerade diese unspektakulären Spuren sind sehr aussagekräftig. Sie zeigen, dass Infrastruktur nie statisch ist. Eine Straße ist nicht nur eine Linie auf der Karte, sondern ein Versprechen auf Verbindung. Wer eine Straße anlegt, entscheidet, wohin Menschen, Soldaten, Waren, Nachrichten und später auch Märkte gelenkt werden.

Der Graben war wirklich ein Graben

Neben dieser Straße lag der Graben – und hier gewinnt ein scheinbar vertrauter Name wieder seine ursprüngliche wörtliche Bedeutung. Der heutige „Graben“ war nicht immer ein Platz, eine Einkaufsadresse, ein Flanierraum. Er geht auf einen realen Befestigungsgraben des römischen Legionslagers zurück  Die Befunde aus den Grabungen im Jahr 2021 und 2024 zeigen einmal mehr, dass es sich nicht um eine schmale Geländevertiefung handelte, sondern um ein mächtiges, mehrteiliges Grabensystem. Im Keller des Hauses Graben 20 konnte 2021 sogar die Sohle eines Grabens in rund sieben Metern Tiefe unter der heutigen Straßenoberfläche dokumentiert werden.

Schnitt durch das rekonstruierte römische bzw. mittelalterliche Grabensystem. (Plan: M. Mosser)

Für den römischen Truppenstandort war dieser Graben Grenze, Schutz und Ordnungselement. Er trennte Innen von Außen, Lager von Vorstadt, militärische Kontrolle von ziviler Bewegung. Doch Stadtgeschichte kennt selten klare Endpunkte. Der römische Graben verschwand nicht mit dem Ende des Lagers. Er blieb als Geländeform bestehen, wurde im Mittelalter weiter wahrgenommen, genutzt, verfüllt und überformt.

Feine gebänderte Ablagerungen, Einschwemmungen, Tierknochen, Holzkohle und Keramik zeigen, dass dieser Raum über längere Zeit von Wasser, Abfall, Erdreich und städtischer Nutzung verändert wurde. Mit dem Bau der Ringmauer um 1200 intensivierte sich das Wachstum der Stadt und der Graben wurde nach und nach zugeschüttet. Aus dem militärischen Hindernis wurde ein städtischer Zwischenraum. Aus einer Grenze wurde allmählich ein Ort der Bewegung. Aus einem Graben wurde „Der Graben“.

Mittelalterliche Stadt über römischer Architektur

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieser Wandel bei den Architekturfragmenten aus den Verfüllungen. Schon 2021 kamen vor Graben 20 zahlreiche römische Baureste zutage, die zur porta decumana gehörten, darunter profilierte Steinteile, Gesimsstücke, Quader und die Basis einer Halbsäule. 2024 folgten weitere Fragmente. Diese Stücke sind nicht bloß Gestein. Sie erzählen von einem Tor, das mehr war als eine Öffnung in der Lagermauer. Die porta decumana war ein architektonisch gestalteter Übergang, ein gebautes Zeichen von Ordnung und Repräsentation, eine etwa 20 Meter hohe Toranlage.

Dass diese Baureste später im Graben landeten, macht ihren historischen Wert nicht kleiner, sondern größer. Sie dokumentieren nicht nur die einstige Gestalt des römischen Tores, sondern auch dessen Ende. Architektur wird zu Abbruchmaterial, Monument wird Verfüllung, Repräsentation wird Untergrund. Das ist eine der stillen Ironien der urbanen Archäologie: Was einst über der Erde Bedeutung erzeugte, überliefert sich oftmals unter der Erde nur noch als Fragment.

Die Grabung im Jahr 2021 lieferte zudem einen wichtigen Baustein zur Lage des Tores selbst. Im Bereich Tuchlauben 2 wurde im Profil ein Bruchsteinfundament sichtbar, das als Teil des östlichen Torturms der porta decumana zu deuten ist. Ein Bauwerk, das an der Oberfläche längst verschwunden ist, gewinnt durch wenige Meter Fundament, durch Profilkanten und Steinlagen eine räumliche Gestalt.

Fundament des östlichen Torturms der porta decumana. (Foto: Stadtarchäologie Wien)
Spätmittelalterliche Grabenverfüllung mit Architekturteilen der porta decumana. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Im Mittelalter erhielt dieses Areal eine neue Funktion, ohne seine alten Vorgaben ganz abzuschütteln. Mit der babenbergischen Stadterweiterung wurde der Bereich in die Stadt einbezogen. Der ehemalige Lagergraben wurde nicht auf einmal aufgegeben, sondern schrittweise zugeschüttet und begehbar gemacht. Darüber entstanden Straßenschotterungen, daneben Häuser, dazwischen Leitungen. Die Stadt nahm sich den römischen Raum nicht als Denkmal, sondern als Baumaterial.

Gerade im Bereich von Graben, Tuchlauben und Kohlmarkt lässt sich diese Überlagerung besonders gut beobachten. Das Peilertor, der mittelalterliche Nachfolger der porta decumana, bewahrte gewissermaßen die alte Torlogik unter neuen Vorzeichen. Tor, Gräben und Wege blieben noch lange wirksam, auch wenn ihr römischer Ursprung nicht unbedingt im Bewusstsein gewesen sein muss.

Aquarell des bis 1732 bestehenden mittelalterlichen Peilertores, das im Hochmittelalter über den Fundamenten des römischen Lagertores errichtet wurde. (© Wien Museum)

Wasser, Markt und Brandschutz

Zu den anschaulichsten Befunden der Grabung im Jahr 2024 gehört auch eine spätmittelalterliche Wasserleitung, von der Reste eines Holzrohres mit Buntmetallmuffe erhalten blieben. Sie führt in eine andere Sphäre städtischer Wirklichkeit: zur Wasserversorgung. Wo heute Leitungen für die Versorgung mit Fernkälte verlegt werden, lagen bereits im Mittelalter technische Systeme, die das Funktionieren der Stadt sicherten.

Am Graben ist seit dem 14. Jahrhundert ein Brunnen nachweisbar; etwas später (Ende des 15. Jahrhunderts) diente der sog. Florian- beziehungsweise Löwenbrunnen nicht nur der Versorgung, sondern auch dem Brandschutz. In einer dicht bebauten Stadt war Wasser immer auch eine Vorsorge gegen mögliche Katastrophen.

Abdruck der Holzrohrleitung mit seitlicher Bruchsteinbegrenzung. (Foto: Stadtarchäologie Wien / ASINOE GmbH).
Reste eines Holzrohres mit Buntmetallmuffe von einer spätmittelalterlichen Wasserleitung. (Foto: Stadtarchäologie Wien / Nikolaos Piperakis)

Vom Markt zur exklusiven Adresse

Damit verschiebt sich erneut der Blick auf den öffentlichen Raum. Graben, Tuchlauben und Kohlmarkt waren nie bloß schöne Orte. Sie waren Durchgänge, Märkte, Versorgungsräume und technische Knoten. Der Kohlmarkt hieß zunächst Witmarkt, also Holzmarkt. Der Graben wurde als Verkehrsfläche und Marktplatz genutzt. Was heute als Luxusadresse erscheint, hatte lange eine handfeste, praktische Ökonomie. Hier wurde gehandelt, geliefert, gebaut, repariert, gelöscht, entsorgt und geleitet.

Auch die mittelalterliche Bebauung tritt in der Grabung nicht als vollständig erhaltenes Gebäude in Erscheinung, sondern als Mauer, Keller oder als Kanal. Vor dem heutigen Haus Kohlmarkt 1 / Graben 18 kamen Bruchsteinmauern zum Vorschein, die mit dem sogenannten Ellerbachschen Haus in Verbindung gebracht werden können. Solche Befunde sind keine spektakulären Erkenntnisse, aber präzise Ankerpunkte. Sie zeigen, wie eng die mittelalterliche Parzellenstruktur mit der späteren Stadtgestalt verbunden blieb.

Bruchsteinmauerwerk des sog. Ellerbachschen Hauses (14. Jahrhundert?) vor dem heutigen Haus Wien 1, Kohlmarkt 1 / Graben 18. (Foto: Stadtarchäologie Wien / ASINOE GmbH)

Erst in der Neuzeit und besonders im 18. und 19. Jahrhundert formte sich jener Graben heraus, der dem heutigen Bild näherkommt. Der Marktraum wurde repräsentativer, die Geschäfte exklusiver, das Publikum kaufkräftiger. 1840 verschwand der freistehende Häuserblock am Westende des Grabens, zu dem unter anderem das Hirschenhaus sowie das Schallen- und Zuckschwerthaus gehörten. Mit seinem Abbruch wurde Raum geschaffen: für Sichtachsen, Bewegung, Großzügigkeit, für jenes urbane Selbstbild, das Wien im 19. Jahrhundert so konsequent kultivierte.

Doch auch die moderne Stadt hinterließ nicht nur Fassaden, sondern vor allem auch Infrastruktur. Ziegelkanäle, Hausfundamente und ein ungewöhnlich tief liegender Verbindungsgang unter dem Kohlmarkt zeigen, dass der Untergrund weiterhin genutzt, durchzogen und organisiert wurde. Die Fernkälteleitungen, deren Ausbau die Grabungen in der Innenstadt erst ermöglichten, stehen also nicht außerhalb dieser Geschichte. Sie setzen sie fort. Jede Zeit legt ihre Leitungen in die Stadt. Für die Nachwelt werden auch sie irgendwann zu Befunden.