Autorin: Anna-Maria Buttinger

Alea iacta est – alle kennen den Ausspruch Caesars, als er den Rubikon überquerte. Weitaus wörtlicher ist in diesem Zusammenhang allerdings ein überraschender Befund in der Bognergasse zu nehmen, der erstmals eine in Wien ansässige mittelalterliche Würfelproduktion archäologisch belegt. Aber der Reihe nach …

Wie so oft ermöglichte auch in diesem Fall der Ausbau des Fernenergienetzes einen Blick in den Untergrund der Stadt. Bei den dabei durchgeführten archäologischen Untersuchungen konnten neben römischen Befunden, allen voran die Reste eines Zenturionenquartiers, auch mittelalterliche und neuzeitliche Schichten dokumentiert werden. Eine davon, von den Archäologinnen und Archäologen vor Ort als „Knochenlage“ angesprochen, entpuppte sich als eine konzentrierte Ansammlung von gespaltenen Langknochen und sogenannten Würfelstäben aus Bein. Letztere waren zunächst allein deshalb überraschend, weil es sich hierbei um eine in Wien kaum vertretene Fundgattung handelt. Noch überraschender war jedoch, dass im weiteren Verlauf der Grabung auch in anderen Schichten immer mehr solcher Stäbe (insgesamt 75 Stück) auftauchten. In Verbindung mit dem weniger charakteristischen Knochenabfall, der in noch größeren Mengen zum Vorschein kam, liefert dieser Fund den entscheidenden und somit ersten konkreten archäologischen Beleg einer Wiener Würfelproduktion im Mittelalter!

Mit all ihren Ecken und Kanten
Widmen wir uns zunächst dem Handwerk der mittelalterlichen Würfelmacher, um zu verstehen, was es mit diesen Stäben eigentlich auf sich hat. Für möglichst haltbare Würfel brauchte der Würfler, wie der Produzent auch genannt wurde (bis dato sind uns keine mittelalterlichen Würflerinnen bekannt), Knochen mit einer dicken Knochenwand (Kompakta). Aus diesem Grund griff er vor allem auf Mittelhand- oder Mittelfußknochen (Metapodien) vom Rind zurück, da diese eine geeignete Größe und einen geraden Schaft aufweisen. Außerdem fielen sie beim Schlachten als Abfallprodukte an und waren deshalb günstig zu erwerben.
Der Würfler sägte oder schlug zuerst beide Gelenksenden oder nur das distale (körperferne) Ende vom Knochen ab. Dann teilte er den Knochenschaft in der Mitte und halbierte oder drittelte die jeweiligen Hälften je nach Knochengröße nochmals. Pro Metapodium fielen so bis zu sechs Knochenscheite an, die er im nächsten Schritt grob zu annähernd quaderförmigen Würfelstäben formte. Dann glättete er die Stäbe, sodass sie einen mehr oder weniger gleichmäßigen quadratischen Querschnitt aufwiesen. Nun konnte er kleine Würfelrohlinge absägen, etwa zehn pro Stab, wobei die beiden oft spitz zulaufenden Enden des Stabs als Abfall anfielen. Abschließend feilte er sie nochmals zurecht, polierte sie und versah sie mithilfe eines Drillbohrers mit Würfelaugen. Bei Bedarf konnten die fertigen Würfel noch „veredelt“ werden, etwa durch das Abrunden der Ecken und Kanten und/oder das Einfärben der Augen.
Für diese Arbeitsschritte liegen auch mittelalterliche Bildquellen vor, so zum Beispiel eine Illustration im Buch der Spiele (Libro de los juegos), einer im Jahr 1283 erschienenen Sammlung von Schachproblemen und verschiedenen Würfel(brett)spielen.

Aussagekräftiger Müll
Bei der Herstellung von Würfeln fiel neben den fertigen Produkten also auch eine große Menge Knochenabfall an: halbierte Knochen, abgeschlagene Gelenksenden, Knochenscheite, Knochensplitter. Solche Stücke fanden sich zahlreich in verschiedenen Schichten in der Bognergasse. Läge nur derartiges Material vor, so könnte auch auf ein anderes knochenverarbeitendes Handwerk geschlossen werden, etwa auf jenes des sogenannten Paternosterers, der Perlen für Gebetszählschnüre („Rosenkranzperlen“) aus Bein herstellte und dessen erste Herstellungsschritte denen des Würflers glichen. Erst die Würfelstäbe, die aufgrund mangelnder Qualität oder fehlerhafter Bearbeitung für die Weiterverarbeitung ungeeignet waren und als Ausschussmaterial im Müll landeten, liefern den entscheidenden Hinweis auf die Werkstatt eines Würfelmachers.
Eine andere Art von aussagekräftigem, vor allem für die Datierung notwendigem Müll, nämlich weggeworfene Keramik, war in den entsprechenden Schichten nur in geringen Mengen vorhanden. Vieles deutet aber auf eine hochmittelalterliche Produktion hin.
Vom Tierknochen zum Würfelstab – ein Versuch
Beim Untersuchen des Knochenabfalls kam schließlich gemeinsam mit Olivér Borcsányi, der über das notwendige archäozoologische Wissen und das handwerkliche Know-how verfügt, die Idee auf, selbst als Würfler(in) tätig zu werden. Ziel war es, zu verstehen, welche Technik und welches Werkzeug in dieser Werkstatt zum Einsatz kam, denn davon abhängig weist der Abfall unterschiedliche Bearbeitungsspuren auf. Wir wollten also im wahrsten Sinne des Wortes Müll produzieren und keine fertigen Würfel, weshalb auch ein im Wald aufgelesener Mittelfußknochen eines Hirsches mit dünner Kompakta ausreichte. Aufgrund seiner längeren Bodenlagerung war dieser bereits für die weitere Bearbeitung geeignet. Der etwas unangenehme Teil des Reinigens und Auskochens war uns somit von der Natur abgenommen worden, aber auch der mittelalterliche Würfler führte diesen Schritt wahrscheinlich nicht selbst durch.
Die aus der Bognergasse vorliegenden Gelenksenden zeigen, dass unser Würfler nur die distalen Enden entfernte, wobei er sie jedoch nicht durch einen geraden Schnitt mit der Säge abtrennte, sondern mit einem Beil abschlug.

Unser Versuch, das distale Ende zu entfernen, zeigte, dass der Knochen dafür offenbar nicht hingelegt und gerade von oben mit dem Beil geschlagen wurde. Stattdessen war der Knochen auf das körperferne Ende aufgestellt worden, und die Schläge kamen schräg von oben aus der Richtung des körpernahen (proximalen) Gelenks.

Leider zerbrach uns das Gelenk dabei, was jedoch nicht weiter schlimm war, denn neben den vielen vollständigen Gelenksenden befanden sich unter dem Abfallmaterial auch zerbrochene Stücke. Unserem Würfler war augenscheinlich hin und wieder dasselbe passiert.

Am schwierigsten gestaltete sich tatsächlich das Spalten des Knochenschafts. Wir versuchten, den aufgestellten Knochen entlang seiner Längsfurche zu spalten, die sich als Sollbruchstelle anbietet, und verwendeten dafür wieder das Beil. Das Spalten von der abgeschlagenen distalen Seite aus funktionierte dabei nur schlecht. Ein Problem war unter anderem das sichere Halten des Knochens und das richtige Ansetzen des Beils. Einfacher ging es beim proximalen Gelenksende. Der Knochen spaltete sich zunächst wie geplant entlang der Längsfurche, bekam dann aber leider Risse, wodurch eine Knochenhälfte brach und sich unser Versuchsmaterial mit einem Schlag verringerte. Jedenfalls fiel aber bei diesem Arbeitsschritt (und auch bei den nächsten) eine Menge an Knochensplittern in verschiedenen Größen an, die sich ebenfalls im archäologischen Befund widerspiegeln.

Die übrige intakte Knochenhälfte spalteten wir erneut mit dem Beil in zwei Knochenscheite und produzierten dabei wieder Stücke, die in dieser Form auch in der Bognergasse gefunden wurden.

Um die grobe und im nächsten Schritt auch die quadratische Würfelstabform zu erhalten, verwendeten wir unterschiedliches Werkzeug: Beil, Messer, Feile und Säge. Hinsichtlich der Handhabung funktionierte die Bearbeitung mit dem Beil gut, und auch die Bearbeitungsspuren passten zu den Stücken aus der Bognergasse. Aber auch mit dem Messer erzielten wir, was die Spuren angeht, ein sehr ähnliches Ergebnis. Für die Feil- oder Sägespuren hingegen liegt kein Vergleichsstück aus der Grabung vor. Eine Säge kam erst später beim Abtrennen der Würfelrohlinge vom Würfelstab zum Einsatz, wie Sägeansätze auf den Würfelstäben verraten.

Unser Ausflug in die Experimentalarchäologie endete hier mit diesen Würfelstäben – quasi dort, wo auch der archäologische Befund endet, denn weder Würfelrohlinge noch fertige Würfel wurden in der Bognergasse gefunden.
Vom (Be-)Fund zur Geschichte
Spannend ist, dass sich unter dem Knochenabfall aus der Bognergasse auch vereinzelt Würfelstäbe sowie ein Knochenscheit mit Augenbohrungen fanden. Die zierlichen Kreisaugen sind willkürlich auf den Stücken verteilt und wurden unterschiedlich tief gebohrt. Bei Interesse können Sie sowohl einen der Würfelstäbe als auch den Knochenscheit im 3D-Modell genauer unter die Lupe nehmen.


Vielleicht ist die Vorstellung nicht so verkehrt, dass einem Lehrling in der Werkstatt des Würflers aufgetragen wurde, am anfallenden Ausschussmaterial den Umgang mit dem Bohrer zu üben. In den Aufgabenbereich des Lehrlings fiel dann möglicherweise auch, den angefallenen Abfall am Ende eines harten Arbeitstages zu entsorgen. Und so scheint unsere eingangs erwähnte konzentrierte Knochenlage ein Zeugnis für einen ausgeleerten Mülleimer eines Würfelmachers zu sein.
Warum haben wir von besagter Würfelwerkstatt aber nur den Abfall und nicht einen einzigen fertigen Würfel oder zumindest einen Würfelrohling in der Bognergasse vorgefunden? Der Grund für deren Abwesenheit liegt eigentlich auf der Hand: Bei einer qualitätsvollen Produktion wird man ungeeignete Stücke möglichst früh in der Herstellung aussortiert haben, um eine weitere „unnötige“ Bearbeitung zu vermeiden. Fertige Stücke hingegen, die den Ansprüchen gerecht wurden, wanderten logischerweise nicht in den Müll, sondern fanden sich in den Händen der Wiener Bevölkerung wieder, die sie munter bei Würfelspielen einsetzten. Dadurch landeten sie schlussendlich an verschiedensten Orten im Boden, unter anderem am Judenplatz, in der Virgilkapelle und in der weiter entfernten Rasumofskygasse (Wien 3). Gut möglich, dass der eine oder andere davon ursprünglich vom Würfler in/nahe der Bognergasse stammt.
Wiener, werft die Würfel!
Und was wurde nun im mittelalterlichen Wien gespielt? Mit ziemlicher Sicherheit vor allem das sogenannte Wurfzabel, auch Puff oder Tricktrack genannt, ein Würfelbrettspiel, das als Vorgänger des Backgammons gilt und besonders populär war. Bildquellen zu diesem Spiel gibt es viele, so zum Beispiel eine Miniatur in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), entstanden zwischen ca. 1300 und 1340.

Aber auch in Wien können Sie jederzeit eine nette, frei zugängliche Darstellung besichtigen, zwar wahrscheinlich nicht mittelalterlich, sondern eher frühneuzeitlich, aber immerhin: In der Bäckerstraße 12 (Wien 1) zeigen Reste eines Fassadenfreskos eine Kuh mit Brille, die gegen einen Wolf Wurfzabel spielt („Wo die Kuh am Brett spielt“).

So weitverbreitet das Spielen mit Würfeln im Mittelalter war, so verpönt war es bei Mitgliedern des weltlichen und geistlichen Adels – wenn auch in den eigenen Reihen gerne gewürfelt wurde, wie Schriftquellen überliefern. Da häufig um Geld gespielt wurde und es zu Betrug (Stichwort „gezinkte Würfel“), Fluchen, Wortgefechten (man denke an heutige Partien „Mensch ärgere dich nicht“) oder sogar zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kam, galt das Würfelspiel als sündhafter Zeitvertreib. Im Spätmittelalter versuchte man deshalb zunehmend, es einzuschränken oder schließlich sogar gänzlich zu verbieten. Ungeachtet all dieser Maßnahmen hielt sich jedoch die Begeisterung und bis heute gilt das Würfeln als Dauerbrenner unter den Gesellschaftsspielen.
Übrigens: Falls Sie auch zu den Würfelbegeisterten gehören und sich selbst im Wurfzabel versuchen möchten, quasi direkt im Codex Manesse vor historischem Hintergrund, dann besuchen Sie doch den Blog des Schweizerischen Landesmuseums. Dort finden Sie im Beitrag zum Projekt „Manesse Gammon“ sowohl den Link zum Spiel als auch die Erklärung der Spielregeln. Viel Spaß beim Würfeln!