Ein Pfundskerl von einem „As“

Autorin: Constance Litschauer

Wenn die Bognergasse im 1. Wiener Bezirk archäologisch thematisiert wird, darf man sich nicht wundern, etwas über die Quartiere römischer Centurionen im Legionslager von Vindobona zu erfahren. Dieses Mal aber soll ausnahmsweise eine in diesem Umkreis gefundene Münze im Mittelpunkt stehen.

Eine typische Mannschaftsunterkunft mit erweitertem Kopfbau und seine Verortung (rot markiert) innerhalb des Lagers. Er diente dem Centurio als Quartier und ist Fundort der Münze. (Oben: © 7reasons. Unten: Stadtarchäologie Wien)

Wie schon 2019, konnten auch dieses Jahr bei einer Künettengrabung im Bereich der Bognergasse, bauliche Überreste von Kommandeursunterkünften, sogenannten Centurionenquartieren, dokumentiert werden. Sie befanden sich am erweiterten Kopfende der lang gestreckten Gebäude, in denen die 80−100 Mann starken sogenannten „Hundertschaften“ (centuriae) untergebracht waren. Die Soldaten teilten sich jeweils zu acht eine der bis zu 15 aneinandergereihten und nur 30–35 m² großen Wohneinheiten (contubernia), mit Schlaf- bzw. Wohnraum sowie vorgelagertem Vorzimmer. Der die Einheit befehlende Centurio lebte hingegen relativ komfortabel. Auf einer Fläche von rund 200 m² verfügte er über verschiedene Wohn-, aber auch Diensträume. Sie waren entsprechend seines Ranges durchaus hochwertig ausgestattet, wie Überreste von Terrazzoböden sowie Wandmalereifragmente, aber auch tubuli / Hohlziegel als Bestandteile von antiken Heizungssystemen belegen.

Terrazzoböden bezeugen die hochwertige Ausstattung in der Unterkunft des Kommandeurs. Am Foto ist auch gut erkennbar, dass diese erneuert und übereinander angelegt wurden: Hier sind zwei Böden übereinander zu sehen. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Zu den Überresten der antiken Gebäude gesellen sich aber auch herausragende Funde, wie ein jüngst geborgener As. Die ab der Einführung der Silbermünze Denar, um 211 v. Chr. bis ins 3. Jh. n. Chr. gebräuchliche Kleingeldsorte geht auf die ältesten römischen Buntmetallmünzen aus dem 4. und 3. vorchristlichen Jahrhundert zurück. Sie stellten als „aes grave“ ursprünglich das Leitnominal, aber auch eine Gewichtseinheit dar. Ihr Normgewicht entsprach mit 327,45 g anfangs dem römischen Pfund (Libra), machte sie jedoch für den Alltag unpraktisch.

Die neu geborgene römische Münze (Bestimmung RIC (1. Aufl.) Nr. 130), mit einem Durchmesser von 29,6 mm und einem Gewicht von nur noch 13,22 g, zeigt auf der Vorderseite das barhäuptige Porträt des Augustus (27 v.–14 n. Chr.) mit der Legende DIVVS AVGVSTVS. Auf der Rückseite ist die Umschrift IMP(erator) NERVA CAES(ar) AVG(ustus) REST(ituit) und  S(enatus) C(onsulto) am unteren Bildrand lesbar. Als zentrale Darstellung ist ein geflügeltes Blitzbündel zu sehen. Die Nennung Nervas (96–98 n. Chr.) und seiner Titel lässt in ihm den amtierenden Herrscher erkennen. Die Ausprägung der Münze im Jahr 98 n. Chr. fällt schließlich in die zeitgleich unter Trajan oder vielleicht auch Nerva anzusetzende Gründungsphase des Legionslagers von Vindobona.

Der wenig „abgenutzte“ As des Nerva – ein wahres Prunkstück. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / N. Piperakis)

Die angeführten Merkmale lassen in dem Fundstück einen Vertreter der sog. Restitutionsmünzen erkennen. Mit der Ausprägung dieser Münzen verehrten die am Ende des 1. und zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. amtierenden Kaiser frühere, oftmals besonders verdiente und – nicht zuletzt durch die Ansprache als Divus erkennbar – vergöttlichte Staatsmänner. Das erfolgte einerseits durch die inhaltliche Würdigung und andererseits stilistisch, durch die Wiederverwendung von alten Münztypen. Während die Legende auf der Rückseite auf die Prägeautorität Nerva verweist, erinnert jene auf der Vorderseite, ebenso wie das barhäuptige Porträt, an den gottgleichen früheren Kaiser Augustus. Seinem Status entspricht die Darstellung des Blitzbündels, das als Attribut des Göttervaters Jupiter zählt.

Dass man mit Prägungen dieser Art, nicht nur frühere Herrscher huldigen wollte, sondern auch seine eigene Herrschaft zu festigen versuchte, ist mehr als nur anzunehmen. Die Münze diente durchaus als Propagandawerkzeug, fehlten doch moderne Informationsmöglichkeiten. Durch die bewusste Auswahl des Dargestellten konnte der Herrscher bestimmte Assoziationen herstellen und sich als ebenso verantwortungsbewusster und rechtmäßiger Nachfolger präsentieren.

Was die 98 n. Chr. geprägte Münze, den sogenannten As, zudem besonders auszeichnet, sind seine geringen Benutzungsspuren. Sie sind ein Hinweis auf einen nur kurzen oder aber seltenen Gebrauch. Das ist durch die damals nur eingeschränkt im Umlauf befindliche Menge an Kleingeld jedoch eher außergewöhnlich. Diese Fundmünzen weisen in der Regel durch häufige Nutzung klar erkennbare Gebrauchsspuren, wie ein zunehmendes Verflachen von Darstellung und Legende, auf. Noch mehr verwundert aber, dass die in gutem Zustand erhaltene Münze in einer wesentlich jüngeren Verfüllung aus dem 3. Jahrhundert geborgen wurde, in der sich eine weitere Münze, ein Dupondius des Antoninus I. Pius (138−161 n. Chr.), befand.  Seine klar erkennbaren Abnutzungsspuren legen ein Verlustdatum im 3. nachchristlichen Jahrhundert nahe. Dupondien entsprachen dem Wert von zwei Assen – wie es zuletzt auch der Name verrät.

Der durchaus „abgenützte“ Dupondius des Antoninus I. Pius. Man erkennt auf der Vorderseite gerade noch die Legende [AN]T[ONI]NVS [AVG PIVS PP TR P]CO[S]III und die Kaiserbüste mit Strahlenkrone nach rechts, sowie auf der legendenlosen Rückseite S-C und Apollo stehend mit Schale und Lyra. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / N. Piperakis)
Aber zurück zum kaum benützten und folglich nur eingeschränkt im Umlauf befindlichen As des Nerva, sowie zur abschließenden Frage, wie er in eine mehr als 100 Jahre jünger datierende Verfüllung gelangte. Wurde die frisch in Umlauf gebrachte und noch kaum verwendete Münze wesentlich früher verloren und später bei Umbauarbeiten verlagert, oder geht ihr Verlust vielleicht sogar auf ein weniger triviales Einzelschicksal zurück? Hier kann man der Fantasie ausnahmsweise freien Lauf lassen: Könnte man das Auffinden vielleicht mit dem Verlust einer wieder in Umlauf gebrachten, bis dahin für Notzeiten beiseitegelegten finanziellen Reserve verknüpfen, oder mit dem mindestens ebenso unerfreulichen Abhandenkommen eines lange aufbewahrten persönlichen Erinnerungsstücks? Oder stellt die Prägung gar eine Weihemünze dar, die zu Beginn des Lagerausbaus bewusst abgelegt wurde, ehe sie im 3. Jahrhundert aus ihrer ursprünglichen Lage entfernt wurde und in die jüngere Verfüllung gelangte?

Kurz gesagt: Eindeutige Antworten zum Verlust der Münze und der Frage, wie sie an ihren Fundort gelangte, gibt es leider nicht – der Spaß am Rätseln und die Freude an der Fundmünze aber bleibt.

Mehr Informationen zum Legionslager gibt es auf unserer Homepage:
-) Das römische Legionslager – Teil 1: Vivere est militare – Zu leben heißt zu kämpfen oder die Römer kommen
-) Das römische Legionslager – Teil 2: Abducet praedam, qui occurit prior – Die Beute wird derjenige nehmen, der als erster kommt: das Legionslager wird errichtet
-) Das römische Legionslager – Teil 3: Militem aut monachum facit desperatio – Mönch oder Soldat wird man aus Verzweiflung: Infrastruktur und Leben im Lager
-) Das römische Legionslager – Teil 4: Quid sit futurum cras, fuge quaerere – Was morgen sein wird, meide zu fragen: auch die römische Herrschaft endete einmal in Vindobona