Abschluss der ersten Grabungsfläche

Autor: Martin Mosser | Stand: 20.10.2020

Die seit Juli 2020 laufenden Grabungen der Stadtarchäologie Wien in Kooperation mit der Grabungsfirma Novetus und dem 3D-Studio Crazy Eye im nördlichen Abschnitt der künftigen U-Bahn-Station Frankhplatz wurden Mitte Oktober 2020 abgeschlossen.

Grabung am Frankhplatz, im Vordergrund Steinfundamente eines römischen Gebäudes über einer aufgelassenen Ofenanlage, dahinter Mauerreste der Alser Kaserne (1753 bis 1912). (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Die außergewöhnlich zahlreich vorgefundenen Überreste lassen sich grob in drei historische Perioden gliedern. Hier sollen nun die markantesten freigelegten Strukturen mittels interaktiver Modelle vorgestellt werden.

Römische Siedlungsreste ca. vom Ende des 1. bis ins 3. Jahrhundert n. Chr.

Als älteste Strukturen der Grabung zeigten sich über geologischen Schotterlagen und Kolluvien drei bis auf über 10 m Länge sichtbare Gräbchen, die wohl die Fundamente einer Umzäunung römerzeitlicher Grundstücke anzeigen. Später entwickelte sich entlang der Fernverkehrsstraße vom Legionslager Vindobona zum Hilfstruppenlager Comagenis (Tulln) am Westrand der Lagervorstadt eine Werkstattzone, deren Überreste auf der Grabungsfläche in Form von zwei Ofenanlagen (Ofenanlage, Feuerstelle) dokumentiert werden konnten. Die Ausbreitung und das Wachstum dieser römischen Siedlung Richtung Westen manifestierte sich auf der Grabung durch die Errichtung eines Gebäudes, dessen Steinfundamente über einen aufgelassenen Ofen gesetzt wurden. Die römische Lagervorstadt reichte somit um vieles weiter nach Westen als sie bisher rekonstruiert wurde.

Überblick zu den römerzeitlichen Befunden (Phasen 1–3). (Plan: Stadtarchäologie Wien)

Kelleranlagen des 16. bis 18. Jahrhunderts

Über 1000 Jahre lang fehlen für die Zone rund um den Frankhplatz jegliche Hinweise auf eine Besiedlung. Erst wieder frühestens im Spätmittelalter entstehen hier außerhalb der Stadtbefestigung in der Vorstadt vor dem Schottentor neue Gebäude. Deren Mauern waren zwar nur noch spärlich erhalten, doch konnten insgesamt fünf Kelleranlagen identifiziert werden, die mit einer frühneuzeitlichen Besiedlung am Rande des Glacis in Verbindung gebracht werden können. Aus dieser Zeit sind aus den Wiener Vorstädten bislang kaum archäologische Nachweise vorhanden. Von den bis zu 60 m2 großen Kellern waren großteils die Mauern zwecks Wiederverwendung des Baumaterials ausgerissen worden. Im 18. Jahrhundert wurden schließlich, offensichtlich im Zuge einer Neuparzellierung, alle Keller verfüllt. Die Masse an Keramik (vor allem Ofenkacheln, sog. Malhornware ) und Tierknochen in den Verfüllungen kann als außergewöhnlich angesehen werden. Dazu gehört auch das Skelett eines Pferdes, dessen Kopf und Beine vor der Deponierung abgehackt wurden.

Die Alser Kaserne (18.–20. Jahrhundert)

Ab 1751 entstand im Bereich des heutigen Frankhplatzes, des Otto-Wagner-Platzes bis hin zur Österreichischen Nationalbank der riesige Baukomplex der Alser Kaserne. In die Grabungsfläche am Frankhplatz ragte dessen vorspringender, teilweise unterkellerter, südöstliche Abschnitt, der durch mächtiges Mischmauerwerk und einen tief fundamentierten Rest einer Hofmauer charakterisiert ist.
Aus dem Barock stammen darüber hinaus auch Reste eines benachbarten Gebäudes mit Fundament, Estrichboden und Holzwasserleitung sowie diverse ziegelgemauerte Kanäle.

 


Fotogrammetrische Aufnahme der Mauern der Alser Kaserne

Autor: Martin Mosser | Stand: 10.8.2020

Nach drei Grabungswochen sind nun die obersten Schichtpakete abgetragen und dokumentiert. An baulichen Strukturen konnten bislang vor allem die noch im Grabungsbereich vorhandenen Mauerreste der 1751 errichteten und 1912 abgebrochenen Alser Kaserne freigelegt werden.

Ansichtskarte der Alser Kaserne mit Blick von der Universitätsstraße in Richtung Alser Straße, 1909. (© Wien Museum)

Im Detail handelt es sich um die bis zu 1,70 m breiten Außenmauern des ganz im Südosten vorspringenden Traktes dieses Gebäudekomplexes. Mauern und Zwischenwände im Inneren sowie zwei Kellergewölbe nahe der Alser Straße kamen ebenso zum Vorschein.
Außerhalb der k. k. Infanteriekaserne befanden sich weitere Mauerzüge, die dem östlichen, zum Roten Haus hin gelegenen Hofbereich zuzuordnen sind bzw. die das Kasernengelände von der angrenzenden Glacisstraße trennten.

Orthofoto der Grabung am Frankhplatz mit den Mauern der Alser Kaserne. (Plan: Stadtarchäologie Wien)

Basierend auf einer Serie von digitalen Einzelbildern aus unterschiedlichen Perspektiven ist es möglich, neben einem exakten Orthofoto auch ein 3D-Modell zu generieren. Unter Anwendung dieser relativ jungen 3D-Fotogrammetrie-Methode, bekannt unter dem Namen „Structure from Motion (SfM)“, können wir nun die aufgedeckten Mauern der Alser Kaserne in einem interaktiven Modell betrachten!

 


Erste archäologische Untersuchungen

AutorInnen: Martin Mosser, Heike Krause | Stand: 14.07.2020

Im Juli 2020 beginnen archäologische Grabungen im Vorfeld der Errichtung der Station „Frankhplatz“ im 9. Bezirk. Es wird dies die erste neue Station der vom Rathaus Richtung Hernals geplanten Linie U5 sein. Sie befindet sich an einem verkehrstechnisch neuralgischen Punkt, an der Kreuzung Alser Straße/Landesgerichtsstraße/Universitätsstraße/Garnisongasse und Frankhplatz.
Zunächst sind ca. zweimonatige archäologische Untersuchungen auf etwa 450 m2 Fläche im nördlichen Teil der künftigen Station im Bereich Frankhplatz/Ecke Garelligasse vorgesehen.

Geplante Grabungsfläche am Frankhplatz mit zu erwartenden archäologischen Befunden. (Kartengrundlage: MA 41, Plan: M. Mosser, © Stadtarchäologie Wien)

In der Vergangenheit befand sich das Gebiet um den Frankhplatz zwar immer in einer gewissen Randlage, jedoch sollten Überreste gefunden werden, die bis in die Römerzeit zurückreichen.

An den Ausläufern der Lagervorstadt von Vindobona

Vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. führte eine aus der Lagervorstadt (canabae legionis) des Legionsstandorts Vindobona kommende, überregionale Ausfallstraße vom heutigen Schottentor über die Alser Straße zur römischen Legionsziegelei in Hernals. Eine entsprechende antike Straße ist also bei den Aufgrabungen für die Station Frankhplatz zu erwarten. Die westliche Grenze der römischen Lagervorstadt vermuten wir derzeit etwa beim Sigmund-Freud-Park. Doch bei den vorbereitenden Baumaßnahmen (Einbautenumlegungen) sowie bei Hausertüchtigungsarbeiten im Keller des Hauses Garnisongasse 1/Universitätsstraße 12 kamen römische Mauern, Gruben und Brunnen zutage, die darauf hinweisen, dass die Lagervorstadt sich noch viel weiter nach Westen erstrecken dürfte, als bisher angenommen. Aus spätrömischer Zeit stammen Körperbestattungen in gemauerten Gräbern, in Sarkophagen und als einfache Erdgräber, die entlang der Universitätsstraße und im Sigmund-Freud-Park gefunden wurden. Es ist nicht auszuschließen, dass sich dieses Gräberfeld entlang der Römerstraße Richtung Westen fortsetzte.

Siedlungsgebiet des römischen Vindobona mit Lage der archäologischen Untersuchungsfläche im Bereich der U5-Station Frankhplatz. (© Stadtarchäologie Wien)

Die mittelalterliche Vorstadt vor dem Schottentor

Im Mittelalter entstand außerhalb der Stadtmauern die Vorstadt vor dem Schottentor. Bereits 1211 wird hier die Alser Straße erstmals genannt. Über die Bebauung der Vorstadt ist nur wenig bekannt, doch auf der von Niklas Meldemann 1530 erstellten Rundansicht von Wien zeigt sich vor dem Schottentor eine mauerumwehrte Siedlung mit dem Maria-Magdalena-Kloster und dem St.-Georg-Turm als Torturm der Vorstadtbefestigung.

Wien während der Ersten Türkenbelagerung 1529. Rundansicht des Niklas Meldemann, kolorierter Holzschnitt, 1530. Ausschnitt mit dem Schottentor, dem Maria-Magdalena-Kloster und dem St.-Georg-Turm in der Vorstadt vor dem Schottentor. (© Wien Museum)

Der Alsbach, der von Dornbach über Hernals, Lazarettgasse, Spitalgasse und Alserbachstraße zur Donau floss, dürfte nach dem Albertinischen Plan (15. Jahrhundert) und dem Wolmuet-Plan (1547) im Spätmittelalter einen künstlichen Nebenarm erhalten haben, der über die Alser Straße zum Schottentor geleitet wurde. Bei den Vorarbeiten zum Stationsbau konnten Überreste dieses Alsbachkanals festgestellt werden, aber auch Gruben und Latrinen, die auf noch erhaltene ausgedehnte Siedlungsreste der Alser Vorstadt schließen lassen.

Mündelbecher aus einer spätmittelalterlichen Grube/Latrine (?) innerhalb der Kabelkünette am Frankhplatz. (Foto: M. Mosser)

Vielleicht können auch Informationen zur 1565 in Betrieb genommenen ältesten städtischen Wasserleitung, die von Hernals über die Alser Straße bis zum Brunnenhaus am Hohen Markt geführt wurde, erhalten werden. Drei bei einem Kanalbau im Jahr 1974 am Frankhplatz angeschnittene Brunnen enthielten neben römischer Terra Sigillata vorwiegend mittelalterliche Keramik- und Glasfragmente. Somit ist jedenfalls von umfangreichen mittelalterlichen Siedlungsstrukturen im Bereich der geplanten U-Bahn-Station auszugehen.

Gebäudekomplexe der Neuzeit

Die erste Belagerung durch die Osmanen im Jahr 1529 brachte schließlich drastische Veränderungen für Wiens Vorstädte mit sich. Die stadtnahen Bereiche der Vorstadtsiedlungen wurden danach geschleift, um eine siedlungsfreie Zone vor der Befestigung, das Glacis, zu schaffen. Nördlich der Alser Straße entstanden Spitäler, Armenhäuser und Friedhöfe. Nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683 setzte wieder eine dichtere Verbauung ein. Im heutigen Areal zwischen der Alser Straße, dem Alten Allgemeinen Krankenhaus, der Österreichischen Nationalbank und der Garnisongasse entstanden große Gebäudekomplexe. Schon 1685 begann man mit dem Bau der Landschaftsakademie der Stände, die bis 1730 noch vergrößert wurde. 1749 wurde die Akademie aufgelassen und abgerissen und durch den riesigen Komplex der Alser Kaserne ersetzt. In der Nachbarschaft der Landschaftsakademie bzw. der Kaserne kaufte im Jahr 1712 Paul I. Fürst Esterházy vier Häuser mit Gärten. Ab 1770 ist die Bezeichnung „Rotes Haus“ für den Gebäudekomplex samt gedeckter Reitschule überliefert.

Joseph Daniel von Huber, Perspektivdarstellung von Wien und den Vorstädten bis zum Linienwall, 1769–1773 (1778), Kupferstich (Ausrichtung nach WSW), Ausschnitt mit dem „Roten Haus“ (2) im Vordergrund und der Alser Kaserne (1) vor dem großen Hof des Invalidenhauses an der Alser Straße. (© Wien Museum)

Diesen ließen die Esterházys nach und nach erweitern und umbauen. Die Parzelle erstreckte sich zwischen der Garnisongasse im Osten, der Rotenhausgasse im Norden und Frankhplatz/Garelligasse im Süden. In dem nunmehr zweistöckigen Gebäude mit vier Höfen, in welchem von Mai bis November 1804 auch Beethoven wohnte, waren im 19. Jahrhundert 150 Wohnungen und ab 1860 ein Kaffeehaus („Maison rouge“) untergebracht. Nach dem Abbruch des „Roten Hauses“ in den Jahren 1888/89 – sowie der Alser Kaserne im Jahr 1912 – entstanden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts die heutigen Bauten zwischen Alser Straße und Rotenhausstraße sowie das ab 1913 geplante und erst nach dem Ersten Weltkrieg im Jahr 1925 bezogene Gebäude der Österreichischen Nationalbank. Beeindruckende Mauerfundamente des „Roten Hauses“, der Ständischen Landschaftsschule bzw. der Alser Kaserne sind bereits 2018 bei den Leitungsumlegungen gefunden worden und werden auch bei den kommenden Grabungen aufgedeckt werden.

Mischmauerwerk der Ständischen Landschaftsschule/Alser Kaserne mit angrenzenden spätmittelalterlichen Planierungen in der Haulerstraße. (Foto: Stadtarchäologie Wien)