Das hohe „C“ der Keramik – Ein Workshop über Graphit-/Grafitkeramik des 9.−11. Jahrhunderts

Autorin: Ingeborg Gaisbauer

Nicht nur bei der Aufnahme keramischen Fundmaterials wird Graphit oder auch Grafit – beide Schreibweisen sind möglich – zumeist als „Gr“ abgekürzt angegeben. Auch im mineralogischen Zusammenhang oder zum Beispiel in einer Kartierung der österreichischen GeoSphere.

Das „C“ wiederum, ist das chemische Elementsymbol für Kohlenstoff und um nichts anderes handelt es sich bei Graphit nun einmal. So einfach und klar der chemische Hintergrund in diesem Fall auch sein mag, die archäologischen und historischen Fragestellungen sind komplex und vielfältig. Ein Workshop zu diesem Thema sollte helfen, den Status Quo des Wissensstandes darzustellen und wenn möglich neue Strategien für weitere Forschung zu definieren.

Sog. Viererstempel auf einem in das 18. Jahrhundert datierenden Topf aus Graphitkeramik, hergestellt in Passau/Obernzell. (Foto: Stadtarchäologie Wien / Christine Ranseder)

Trifft man im archäologischen Zusammenhang in Wien auf Graphitkeramik der frühen Neuzeit, zumeist des 18. und 19. Jahrhunderts, ist die Herkunft klar. Die Objekte – nicht immer handelt es sich um Gefäße, man importiert zu dieser Zeit auch Ziegel aus hochprozentigem Gaphitton – stammen aus Passau und tragen auch entsprechende Stempel.

Im Hochmittelalter ist die Situation unklarer, über die Handelswege im „frühen Hochmittelalter“, der Zeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert ist wenig bekannt.

Graphitkeramik aus dem 10. Jahrhundert, gefunden am Petersplatz (Wien 1). (Foto: Stadtarchäologie Wien / Christine Ranseder)

Ziel des Workshops der Stadtarchäologie war es, sich mit folgenden Fragestellungen zu beschäftigen:

  1. Welche Graphitlagerstätten sind für den (österreichischen) Donauraum relevant?
  2. Was kann man über die Qualität und Zugänglichkeit dieser Ressourcen aussagen?
  3. Was ist tatsächlich über den Handel mit Graphit/Graphitkeramik bekannt und was ist nur Vermutung?
  4. Wie solide ist der Wissensstand bezüglich der Formen und ihrer chronologischen Einordnung?

Daran gekoppelt sind grundsätzliche Fragestellungen nach politischer und wirtschaftlicher Verknüpfung entlang der Donau. In schriftlichen Quellen zeichnet sich der Einfluss des Bistums Passau bis nach Wien ab, es gilt nun, sich kritisch damit auseinanderzusetzen, inwiefern sich das auch im archäologischen Fund und Befund widerspiegelt. Gerade in der materiellen Kultur ist auch mit einem Einfluss des mährischen Raumes bis nach Wien zu rechnen.

Ergebnisse des Workshops

Was hat sich nun im Rahmen dieses Wissensaustausches zwischen Kollegen aus Passau, Brünn, der Steiermark, Niederösterreich und Wien gezeigt?

Graphitkeramik findet sich im niederösterreichischen Raum aber auch in der Steiermark vermehrt ab dem späten 9./Anfang des 10. Jahrhunderts. In Passau tritt sie bereits im 9. Jahrhundert auf, im Einflussgebiet des ehemaligen Großmährischen Reiches allerdings erst um die Mitte des 10. Jahrhunderts. Deutlich frühere Einzelfälle finden sich sowohl im mährischen Bereich als auch in Niederösterreich entlang der Donau. Sie stellen aber eben genau das dar: ein vereinzeltes Auftreten, das man nicht mit einem mehr oder weniger flächendeckenden Phänomen vergleichen kann.

Im Umfeld aller Fundorte von Graphitkeramikgefäßen existieren auch Lagerstätten, die eine Eigenproduktion möglich, wenn auch nicht immer wahrscheinlich machen. In der Steiermark zum Beispiel, ist Graphit zwar vorhanden, die Lagerstätten sind aber schwieriger zu erschließen als z. B. in Passau.

Gerade diese Verfügbarkeit von Graphit macht es ohne aufwändige Analysen an der Keramik und Beprobungen der Lagerstätten allerdings unmöglich, Handelsströme zu erkennen.

Einfache Aussagen wie: „Wien hat seine Graphitkeramik in Passau gekauft“ oder „Die mährischen Siedlungszentren haben Graphitkeramik aus dem niederösterreichischen Raum bezogen“, sind nicht möglich. Das wiederum hat Folgen für die Datierung der Gefäße. Wenn man nicht weiß, wer welche Topfform als erster hergestellt, wer wen „imitiert“ hat, ist es nahezu unmöglich, eine Wanderung und/oder Ausbreitung von Formen zu beobachten. Selbst wenn sich an manchen Fundstellen gut datierte Fundkomplexe finden, bräuchte man die richtige Abfolge, um daraus z. B. eine chronologische Entwicklung donauabwärts festmachen zu können.

Schlussfolgerungen

Tatsächlich neue, wenn auch die Arbeit nicht erleichternde Erkenntnisse bringen vor allem die umfangreichen Kartierungen der Graphitvorkommen. Diese zeigen deutlich, dass die geologische Verbreitung des Rohmaterials tatsächlich Hand in Hand mit jener der gefertigten Keramiken geht.

Dieser Umstand hat eines deutlich klar gemacht: ohne länderübergreifende Projekte und intensive weitere Forschung, wird die Graphitkeramik vorerst einfach nur ein frühhochmittelalterliches Keramikphänomen des Donauraumes bleiben. Die wieder zunehmende wirtschaftliche Bedeutung von Graphit als Rohstoff in verschiedenen Produktionsprozessen könnte in diesem Punkt möglicherweise der Archäologie zu Hilfe kommen und in fernerer Zukunft den Zugang zu Analysen erleichtern.