Autor:innen: Valerie Strunz, Roman Skomorowski

Zu den prägendsten Ereignissen in der Geschichte Wiens zählen die beiden Belagerungen der Stadt durch osmanische Truppen in den Jahren 1529 und 1683. Wenn Sie heute durch die Wiener Straßen schlendern, werden Sie immer wieder an diese Ereignisse erinnert. Viele Zeugnisse der Belagerungen sind aber mittlerweile verschwunden. Manche noch existierende Zeugnisse schlummern jedoch auch ohne unser Wissen im Boden und warten auf ihre Entdeckung.
Bei einem Spaziergang durch die Stadt machen uns beispielsweise eine vergoldete Kanonenkugel am Haus Am Hof 11, die Statue eines Osmanen am Gebäude Heidenschuß 3 (Wien 1), eine Figur Kara Mustaphas am Haus Neustiftgasse/Ecke Kellermanngasse (Wien 7), der Name Türkenschanzpark (Wien 18) und eine Halbmondstandarte auf einem Haus in Nußdorf neben der Kirche (Wien 19) auch heute noch auf diese Zeit aufmerksam. In den letzten Jahren hatten wir das Glück, bei Grabungen am Burgring 2022 und am Universitätsring 2025 Überreste der Auseinandersetzungen mit den Osmanen aufdecken zu können. Am Burgring traten Teile des osmanischen Grabensystems und am Universitätsring die Minengänge der Stadtbefestigung zu Tage und gewährten Einblick in die Angriffs- und Abwehrtaktik der beiden Kriegsparteien.

Gräben und Minen während der beiden osmanischen Belagerungen
Bereits bei der ersten Belagerung versuchten die osmanischen Truppen, die Stadtmauer mit Stollen zu unterminieren und durch die Sprengungen zu Fall zu bringen. Zwar wurde die Stadtmauer stark beschädigt, die Einnahme der Stadt gelang aber nicht. Das Hauptangriffsziel lag im Jahr 1529 vor dem Kärntnertor, archäologisch konnten in diesem Bereich aber bisher keine Gräben oder Minen nachgewiesen werden. Bildliche Quellen zeugen jedoch von dem Angriff auf diesen Teil der Stadtmauer. Die mit viel Glück abgewendete Niederlage 1529 zog einen umfassenden Ausbau der Stadtbefestigung im Bastionärsystem nach sich. Neben der Errichtung massiver Bastionen und Verbindungsmauern (Kurtinen) wurde die Grabenanlage mit Erdwerken zum Schutz der Kurtinen (Ravelins), welche teilweise mit Mauern verkleidet waren, einem gedeckten Weg und Waffenplätzen ausgestattet. Dieses starke Verteidigungswerk verhalf letztlich bei der zweiten Belagerung zum entscheidenden Zeitgewinn, um die Einnahme der Stadt zu verhindern.

Der Angriff 1683 erfolgte von mehreren Seiten, Hauptziel war jedoch der Befestigungsabschnitt zwischen Löbl- (später Löwel-) und Burgbastion mit der Hofburg als Residenz der habsburgischen Länder. Die Entscheidung zu einem „Minenkrieg“ wurde bereits im Vorfeld getroffen. Die Osmanen erhofften sich, ohne schwere Artillerie schneller voranzukommen. Erfahrungen im Minenkrieg hatten sie unter anderem bereits bei der Belagerung von Candia auf Kreta und in Zurawna im Südwesten der Ukraine im Jahr 1676 gesammelt. Für die Offensive auf den gut ausgebauten Abschnitt der Stadtbefestigung zwischen Löbl- und Burgbastion entschieden sich die Angreifer wohl auch deshalb, weil hier das Terrain relativ trocken war und sich der Bereich daher für das Anlegen von Sappen (oberirdischen Gräben) und Minen (unterirdischen Stollen) besonders eignete. Ziel war es, die Sappen möglichst nahe an die Stadtbefestigung heranzuführen, um diese anschließend zu unterminieren und durch das Zünden von Sprengladungen zum Einsturz zu bringen. Außerdem dienten die Gräben als Vorbereitung und Ausgangsstellung für den Angriff der Artillerie auf die Stadt.
Die vertikal zur Stadtbefestigung verlaufenden Gräben werden als Laufgräben bzw. Approchen (französisch „Annäherung“) bezeichnet und dienten der Fortbewegung und dem Transport. Parallel zur Kurtine wurden in kurzen Abständen auch Parallelen genannte Schützengräben angelegt, welche die Laufgräben teilweise miteinander verbanden. Durch die rund 2 m breiten und 1,80 m hohen Sappen wurde eine geschützte Annäherung an die Wiener Stadtbefestigung möglich. Um sich besser vor Artillerieangriffen abzusichern, deckten die Osmanen ihre Gräben mit Brettern, Balken und Sandsäcken ab. Im Zuge der Kämpfe wurde der Burgravelin eingenommen, die Burg- und Löblbastion wurden durch Artilleriebeschuss und die Sprengung von Pulverfässern in den Minenöfen am Ende der unterirdischen Gänge schwer beschädigt. Das Entsatzheer der habsburgischen Verbündeten traf nach zweimonatiger Belagerung am 12. September ein, gerade noch rechtzeitig, um die Zündung von neun bereits angelegten Minen nahe der Löblbastion zu verhindern.

Der erste archäologische Nachweis …
Die archäologische Begleitung im Zuge von Baggerarbeiten für die Verlegung einer Fernkälteleitung erbrachte nun erstmals den physischen Nachweis für das bislang nur durch Schrift- und Bildquellen bekannte Grabensystem. Der hier relevante Abschnitt betraf den Bereich am Burgring vor dem Maria-Theresien-Platz bis vor das Naturhistorische Museum (Burgring 7). Innerhalb der durchschnittlich 1,40 m breiten und maximal 2,80 m tiefen Künette wurden auf einer Gesamtlänge von ca. 95 m 58 Befunde dokumentiert, die diesem Grabensystem zugeordnet werden können.

Soweit erkennbar bzw. noch vorhanden, hatten die Gräben fast senkrechte Seitenwände und eine relativ ebene Sohle. Im Durchschnitt wiesen sie eine erhaltene Höhe von 0,50 bis 1,50 m auf, vermutlich waren sie wie eingangs erwähnt etwa 1,80 m hoch. Die sichtbare Grabenbreite reichte von 0,40 bis 1,50 m, an einer Stelle konnte eine Originalbreite von 2 m nachgewiesen werden. In einem weiteren Fall wurde sogar eine Breite von 3,20 m festgestellt, wobei Folgendes bemerkenswert ist: Im georeferenzierten Plan von Daniel Suttinger ist genau in diesem Bereich eine Gabelung zweier Parallelen verzeichnet, was die enorme Breite von 3,20 m erklärt und gleichzeitig auch die Genauigkeit des Suttinger-Plans zeigt. Gemäß dem Grabungsbefund endete das Grabensystem ca. 25 m südwestlich dieser Gabelung, was wiederum der Kartierung Suttingers entspricht. Der äußerste Laufgraben, der nur mehr in Resten vorhanden war, hatte dem Schutz vor Gegenangriffen durch die Belagerten gedient. Festzuhalten ist auch, dass die mittelalterlichen Befunde der Widmer Vorstadt östlich des Grabensystems in hoher Dichte zum Vorschein kamen, während sie im Bereich des Grabensystems nur vereinzelt auftraten. Vermutlich waren sie der Errichtung des Grabensystems zum Opfer gefallen.

… und ein besonderer Fund
Während der Grabung durften wir uns über einen besonderen Fund freuen: In einer Grabenverfüllung bzw. in einer Grabenwand steckte ein nahezu vollständig erhaltenes zurückgelassenes Schanzwerkzeug aus geschmiedetem Eisen.

Die Form verbindet die Funktionalität einer Haue mit der eines Pickels. Auch in den folgenden Jahrhunderten gehörte der Steinpickel neben der Schaufel zur Standardausrüstung der Mineure und Sappeure und findet sich häufig auf Abbildungen, die diese Regimentsteile darstellen. Letztlich ist der Krampen im zivilen Bereich für Bau- und Gartenarbeiten und im Speziellen in der Archäologie auch heute noch das Werkzeug schlechthin, wenn es um das Auflockern bzw. Abtragen größerer Erdschichten geht.


Falls Sie mehr zum Thema lesen wollen, empfehlen wir Ihnen den in „Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 28/2025“ erschienenen Beitrag „Die Zweite Osmanenbelagerung, das osmanische Grabensystem und ein Schanzwerkzeug“. Fundort Wien 28 / 2025 – Stadtarchäologie Wien
Während wir bei dieser archäologischen Grabung viel über die Kriegstaktik der Osmanen erfahren konnten, beschäftigt uns im zweiten Teil unserer kleinen Serie vor allem die Abwehrtaktik der Habsburger …