Hernalser Friedhofsweisheiten

Autorin: Constance Litschauer

Wer am St.-Bartholomäus-Platz ein Loch gräbt, muss mit archäologischen Funden rechnen! Dieses Wissen hat sich auch im Spätsommer 2025 bestätigt. Im Zuge einer Einbautenumlegung wurden im Vorfeld des geplanten U5-Ausbaus für die Station Elterleinplatz neuerlich Überreste des unter Joseph II. (1765–1790) im Jahr 1786 säkularisierten Hernalser Pfarrfriedhofs aufgedeckt.

Übersichtsplan zu den Grabungsergebnissen der Jahre 2009 und 2025 im Nordteil des St.-Bartholomäus-Platzes. (Plan: Stadtarchäologie Wien / Martin Mosser)

Die aktuellen Grabungsarbeiten beschränkten sich auf den nördlichen Randbereich des Platzes und umfassten eine West-Ost verlaufende Künette sowie einen Schacht im Nordwesten. Damit lagen die Bodeneingriffe im Bereich des hier spätestens ab dem frühen 14. Jahrhundert angelegten nördlichen Friedhofsareals mit der alten, nicht erhaltenen Pfarrkirche von Hernals. Der südlich angrenzende und vermutlich ab 1641 zusätzlich belegte Bestattungsplatz der Pfarre St. Bartholomäus befand sich hingegen außerhalb der Maßnahmenfläche. Trotz der Kleinräumigkeit konnten auch dieses Mal ergänzend zu früheren Untersuchungen immerhin neun Individuen sowie erfreulicherweise auch ein kleiner, aber durchaus spannender Mauerabschnitt dokumentiert werden.

Die Hernalser Pfarrkirche als perfekte Kulisse für unsere Arbeit. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Das neuzeitliche Mauerwerk

Das Nord-Süd ausgerichtete Mauersegment fand sich in der Künette, und obwohl es nur auf einer Länge von 0,5 m sichtbar war, lässt seine Stärke von immerhin rund 2 m darauf schließen, dass es Teil eines Gebäudes mit Sonderstatus war. Aufgrund der Verortung dürfte der Bauteil tatsächlich auf die im 14. Jahrhundert erstmals schriftlich erwähnte und 1786 geschleifte alte Pfarrkirche St. Bartholomäus zurückgehen.

Das rund 2 m starke Gußmauerwerkfundament an der Sohle der Künette als Überrest der alten Pfarrkirche. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Die Machart aus Bruchsteinen, Ziegelfragmenten und reichlich verwendetem harten Kalkmörtel spricht für eine Ansprache als frühneuzeitliches Gussmauerwerkfundament und damit für einen Aus- oder Umbau des auf die Gotik zurückgehenden Sakralbaus. Es liegt also nahe, die Baumaßnahme mit Instandsetzungsarbeiten nach Zerstörungen infolge der Ersten Osmanischen Belagerung Wiens 1529 in Verbindung zu bringen oder mit der Rekatholisierung ab 1620 und sakralen Ausgestaltung des Platzes ab 1639.

Auch die Zuweisung zu einem bestimmten Bauteil der alten Pfarrkirche mit eingezogenem Chor, hohen Spitzbogenfenstern und Westturm kann einigermaßen eingeschränkt werden. Unter Einbeziehung der Lage, historischer Darstellungen und der Chorreste, die bereits 1958 beim Neubau des Gebäudes St.-Bartholomäus-Platz 4 dokumentiert werden konnten, sind zwei Möglichkeiten für die Ansprache des neu aufgedeckten Mauerwerks am wahrscheinlichsten. Es könnte auf einen Strebepfeiler entlang der südlichen Außenmauer des Langbaus zurückgehen oder auf einen Um- bzw. Anbau im Südosten des Sakralbaus. Dieser könnte als direkter Zugang zum gegenreformatorisch mit verschiedenen sakralen Einbauten ausgestalteten St.-Bartholomäus-Platz gedient haben.

Eine gute Vorstellung zur barocken Gestaltung der alten St.-Bartholomäus-Kirche bietet der von Mathias Fuhrmann (1697–1773) herausgegebene Kupferstich „S. Bartholomaei Pfarr-Kirche zu Herrnals“ aus dem Jahr 1767. Links vom Sakralbau erkennt man auch das Hl. Grab und die Annenkapelle, die zur damaligen sakralen Platzgestaltung zählten. (©Wien Museum, Inv.-Nr. 27650)

Die Bestattungen

Die aufgedeckten Bestattungen fanden sich im Schacht sowie in der Künette in eine humose Planierung eingebettet. Kein einziges Individuum konnte vollständig freigelegt werden – sei es aufgrund der Grabungsgrenzen oder weil sie von jüngeren Einbauten geschnitten wurden. Während menschliche Überreste in der max. 0,8 m in den Boden greifenden Künette nur im Bereich der Sohle aufgedeckt werden konnten, zeigte sich im immerhin ca. 1,5 m tief ausgehobenen Schacht die Belegung auf vier übereinanderliegenden Horizonten und damit zumindest eine relative chronologische Abfolge.

Die unteren Extremitäten von zwei Bestattungen sowie der einzige aufgedeckte Schädel des darunter Beigesetzten weisen auf die dichte Belegung am Friedhof. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Die Beigesetzten wurden durchwegs in Rückenlage angetroffen und waren bis auf einen Nord-Süd und einen Ost-West orientierten Toten mit dem Blick nach Osten positioniert. Wie es seit der Neuzeit üblich war, fanden sich ihre Hände im Normalfall im Beckenbereich gefaltet abgelegt, was nicht zufällig an den Gebetsritus erinnert. Einmal (siehe Abbildung unten) wurden die Arme aber auch ausgestreckt entlang des Körpers positioniert, was wiederum auf mittelalterliche Grablegen hinweist. Diesem Datierungsansatz entspricht, dass die unteren Extremitäten des Beigesetzten fehlten, da sie vom bereits vorgestellten neuzeitlichen Mauerwerk beschnitten waren.

Die am besten erhaltene neuzeitliche Grablege der Kampagne 2025 als typisches Beispiel für einen Leichnam, der mit dem Blick nach Osten in Rückenlage und mit im Beckenbereich gefalteten Händen beigesetzt wurde. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Ansonsten waren Hinweise auf die zeitliche Stellung der Bestattungen rar, da die ab der Neuzeit gängigen religiösen Beigaben und Trachtbestandteile im Fundspektrum gänzlich fehlten. Genauso wenig konnten Holzreste als Beleg für Bestattungsbehältnisse dokumentiert werden und nur vereinzelt sowie ausschließlich verlagert gefundene Nägel erinnern zuletzt an die Verwendung von Särgen am Friedhofsareal.

Kopflose Tote und eine einfache Erklärung

Da unter den 2025 dokumentierten Bestattungen nur ein Beleg mit erhaltenem Schädel vorliegt, stellte sich zuletzt auch die Frage nach der Ursache dafür. Sie ist sicher in den beengten Ausmaßen der Grabungsfläche und den verschiedenen modernen Störungen zu suchen, aber vermutlich ebenso in der Neuerrichtung des Gebäudes St.-Bartholomäus-Platz 4 im Jahr 1958. So finden sich in Aufzeichnungen des bei lokalen Baufirmen gefürchteten Hernalsers und ehemaligen Leiters des örtlichen Bezirksmuseums Franz Zabusch (1902–1983) nicht nur Informationen zu den Chorresten der alten Pfarrkirche, sondern auch zum Umgang mit den damals aufgedeckten Bestattungen: Von ihnen wurden gegebenenfalls Langknochen entnommen, aber vor allem Schädel. Die auf diese Weise innerhalb der Künette aufgedeckten beiden Individuen entsprechen diesen Schilderungen.

Ein schädellos in der Künette aufgedecktes Individuum als Hinweis auf die Bauarbeiten im Jahr 1958. Die ausgestreckt entlang dem Körper abgelegten Arme erinnern an mittelalterliche Grablegen. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Wer mehr vom Tod – aber natürlich auch vom Leben – in Hernals erfahren möchte und Gefallen an alten Reportagen findet, der sollte sich „Der Tod im 17. Bezirk – Eine Wiener Reportage“ aus dem Jahr 1979 nicht entgehen lassen. Wer sich gerne ein näheres Bild von Franz Zabusch und seiner Arbeit machen will, der sollte besonders ab ca. Minute 4:00, 12:10, 15:07 und 21:45 aufmerksam sein.