„Hinterhöfe, Gruben und Latrinen“: Neue Einblicke in die römische Lagervorstadt am Minoritenplatz.

Autor:innen: Kristina Adler-Wölfl, Martin Mosser, Sabine Jäger-Wersonig, Barbara Wieser

Der Minoritenplatz im Vogelschauplan von Joseph Daniel von Huber, 1769–1774. (© Wien Museum)

Zwischen Januar und Februar 2023 wurde der Wiener Minoritenplatz erneut zum Schauplatz archäologischer Forschung. Anlass war der Bau einer Fernkälteleitung. Erstmals seit der Errichtung der U-Bahnlinie U3 in den Jahren 1984 bis 1986 konnte dieser zentrale Bereich der Inneren Stadt wieder systematisch archäologisch begleitet werden.

Eine Grabung auf schmalem Raum

Der Leitungsgraben zog sich über mehr als 150 Meter entlang der Nord- und Ostseite des Platzes. Trotz der geringen Breite von rund 1,3 Metern wurden insgesamt 176 archäologische Befunde dokumentiert. Sie reichen von der römischen Kaiserzeit über das Spätmittelalter bis in die Frühe Neuzeit sowie ins 18./19. Jahrhundert.

Künettengrabung an der Ostseite des Minoritenplatzes, 2023. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Da die römischen und mittelalterlichen Gehhorizonte durch frühere Bauarbeiten weitgehend zerstört waren, konnten meist nur tiefer reichende, in den anstehenden Lösslehm gesetzte Strukturen, dokumentiert werden. Für die römische Periode, die hier näher betrachtet werden soll, erwiesen sich diese allerdings als besonders aussagekräftig.

Die römische Lagervorstadt von Vindobona

Der heutige Minoritenplatz liegt westlich der römischen Limesstraße und damit im Bereich des westlichen Teils der canabae legionis – der Lagervorstadt des Legionslagers Vindobona. Im Gegensatz zum Legionslager war die Vorstadt lange Zeit in ihren Ausmaßen und ihrer Siedlungsstruktur unbekanntes Terrain. Erst mit Grabungen auf der Freyung und am Michaelerplatz in den 1980er und 1990er Jahren konnten erstmals zusammenhängende Baustrukturen dokumentiert werden.

Die Künettengrabung im Jahr 2023 zeigte, dass sich in diesem Bereich keine an der Straßenfront liegenden Gebäude mit Läden, Werkstätten und Wohnräumen befanden. Es waren dort vielmehr Garten- und Hinterhofbereiche. Darauf deuten zahlreiche Gruben und Pfostenlöcher hin, die von einfachen Holzbauten stammen. Gräben markieren die Grenzen zwischen den einzelnen Parzellen.

Fundstellen wichtiger Grabungen der jüngeren Vergangenheit innerhalb der canabae legionis von Vindobona mit Grabungscodes (rot). (Plan: Stadtarchäologie Wien / Martin Mosser)

Grubenhäuser, Keller und Latrinen

Besonders auffällig war die hohe Dichte an großen, tiefen Gruben. Mehrere davon lassen sich als Grubenhäuser oder Erdkeller interpretieren – Bauformen, die in römischen Lagervorstädten entlang des norisch-pannonischen Limes inzwischen gut belegt sind. Solche Strukturen wurden vermutlich als Arbeitsräume, Lagerräume oder einfache Wohnbauten genutzt.

Daneben fanden sich mehrere sehr tiefe Gruben, deren grünlich-weißliche Verfärbungen und große Tiefe auf eine Nutzung als Latrinen hindeuten. Gemeinsam zeichnen diese Befunde das Bild von intensiv genutzten Hinterhofbereichen mit handwerklichen und alltäglichen Funktionen.

Verfüllte Latrine (?) mit grünlich-weißlicher Randverfärbung. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Kein geschlossenes spätrömisches Gräberfeld am Minoritenplatz

Schon im 18. Jahrhundert sind bei Bauarbeiten rund um das Minoritenkloster Bestattungen zutage gekommen, weitere spätrömische Gräberfunde sollten die Theorie von einem ausgedehnten Gräberfeld bestätigen. Die Künettengrabung 2023 konnte jedoch zeigen, dass hier kein zusammenhängendes, dicht belegtes spätrömisches Gräberfeld bestand. Vielmehr handelt es sich um vereinzelte Bestattungen, die in aufgegebenen Bereichen der ehemaligen Lagervorstadt angelegt wurden – vermutlich ab dem späten 3. Jahrhundert.

Römerzeitliche Befunde am Minoritenplatz. (Plan: Stadtarchäologie Wien / Martin Mosser)

Fundmaterial aus dem Alltag der Canabae

Aus den Gruben und Erdkellern konnte eine große Menge an Keramik und Kleinfunden geborgen werden. Das Spektrum reicht von hochwertiger Terra Sigillata über lokale Fein- und Gebrauchskeramik bis hin zu Lampen, Nadeln, Eisennägeln und Werkstattabfällen.

Firmalampe. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / Nikolaos Piperakis)
Römerzeitliche Buntmetallfunde: Gürtelbeschlag in Form des Buchstabens R und Gerätegriff. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / Nikolaos Piperakis)

Die Funde datieren überwiegend in die severische Zeit (193–235 n. Chr.) und zeigen, dass die Haushalte dieses Siedlungsgebietes spätestens um die Mitte des 3. Jahrhunderts aufgegeben wurden. Jüngeres Material fehlt nahezu vollständig.

Ein weiterer Baustein für das römische Wien

Die Grabung am Minoritenplatz lieferte wichtige neue Hinweise zur Ausrichtung der Parzellierung in der Lagervorstadt westlich der Limesstraße. Sie gibt Einblicke in das römische Wien, das nicht nur aus monumentalen Bauten bestand, sondern auch aus von an den Straßen ausgerichteten Parzellen mit Grubenhäusern, Erdkellern und Latrinen – alltäglichen Orten, die das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner prägten.

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