Autorin: Sophie Insulander

In einer Großstadt wie Wien archäologische Forschung zu betreiben, gleicht in mancher Hinsicht dem Zusammensetzen eines riesigen Puzzles. Mit jeder neuen Ausgrabung gewinnt man ein weiteres Puzzlestück, das dann in das große Bild der historischen Stadt eingefügt werden kann. Der Weg dorthin kann jedoch schwierig sein, wie etwa im Fall des spätrömischen Kellers im Legionslager Vindobona.

Bereits 2017 wurde bei einer Ausgrabung der Firmen ARDIG und Denkmalforscher GesBR an der Adresse Bauernmarkt 1 ein Keller von außergewöhnlichen Dimensionen angeschnitten. Erst durch die von der Stadtarchäologie betreuten Künettengrabungen 2021/22 konnte jedoch der Grundriss rekonstruiert werden. Dabei kam auch ein für Wien einzigartiger Fund zutage: Ein Kellerfenster wurde in situ, also in seiner ursprünglichen Lage, freigelegt und konnte auch so im Erdboden erhalten werden – die Fernkälteleitung wurde um das Fenster herumgeführt.

Direkt vor dem außen nur 25 cm breiten Fenster, das knapp über dem Bodenniveau lag, war eine Säule aufgestellt. Das ist ungewöhnlich – und es sollte nicht der einzige rätselhafte Befund bleiben. Parallel entlang der Längsseiten des Kellers verliefen hohe Steinmauern, die je einen Korridor bildeten. Außerdem hatte der unterirdische Bau herausragende Ausmaße: Er war etwa 29 × 15 m groß, was eine Grundfläche von beinahe 450 m² ergibt, und 5 m tief.

Diese große Tiefe brachte das Problem mit sich, dass der Keller im Rahmen der Baumaßnahmen im Gebäude Bauernmarkt selbst nicht vollständig ausgegraben werden konnte. Nur an zwei kleinräumigen Stellen erreichten die Archäolog:innen seine Unterkante.
Den Funden nach wurde der Keller in der Spätantike angelegt, genauer gesagt im 4. Jahrhundert n. Chr. Allerdings war er nur wenige Jahrzehnte in Verwendung. Nach seiner Auflassung am Anfang des 5. Jahrhunderts wurde der Raum vollständig mit Bauschutt, Abfall und Erde verfüllt. Die aus der Verfüllung geborgenen Fundstücke liefern vielfältige Informationen, allerdings kann hier auch Material aus der Umgebung eingefüllt worden sein, was die Interpretation weiter erschwert.

So stellte sich uns der Keller also am Anfang als ein archäologisches Rätsel dar. Nur durch sorgfältige Untersuchungen aller zur Verfügung stehenden Informationen und durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Fachkolleg:innen war es möglich, sich der Lösung des Rätsels anzunähern. Diesen Prozess und natürlich auch das Ergebnis wollen wir ab 26. Juni 2025 in der neuen Kabinettausstellung „Kellergeschichten. Ein rätselhaftes römisches Gebäude am Bauernmarkt“ im Römermuseum aufzeigen.

Wie in einem Kriminalroman entspinnt sich hier die Erzählung. Zunächst müssen die Indizien gesichtet werden: Der Grundriss des Kellers, seine einzelnen Bestandteile, das Fundmaterial, aber auch die Lage innerhalb des Legionslagers und der historische Rahmen werden genau beleuchtet.
Davon ausgehend entwickeln sich unterschiedliche Hypothesen zur Funktion des Kellers, die in einem nächsten Schritt auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden müssen. Handelt es sich um einen „normalen“ Hauskeller, ein horreum (Getreidespeicher), ein aerarium (Schatzkammer), einen Mithras-Tempel oder ein Gefängnis? Hier spielen Vergleiche mit derartigen Bauten aus anderen Teilen des Römischen Reiches eine wichtige Rolle.
Am Ende dieses Indizienprozesses zeigt sich, dass die meisten Argumente für eine Deutung des Kellers als carcer, also als Gefängnis sprechen. Das stellt eine kleine Sensation dar, da ein Gefängnis solchen Ausmaßes in einem Legionslager bis jetzt noch nicht nachgewiesen werden konnte.
Damit verknüpfen sich neue Fragen: Warum benötigte man in der Spätantike in Vindobona ein so großes Gefängnis? Wer könnte hier inhaftiert gewesen sein? Und welche Funde würde man sich in einem (vollständig freigelegten) Gefängnis noch erwarten? Auch diesen Aspekten wird in der Ausstellung nachgegangen.

Die Spätantike war eine Zeitspanne, die von vielen außen- und innenpolitischen Schwierigkeiten geprägt war. An den Grenzen des Römischen Reiches kam es regelmäßig zu Überfällen von feindlichen Gruppen, vor allem von Germanen. In Vindobona waren die Lagervorstadt und die Zivilstadt in dieser Zeit als Siedlungsplätze bereits aufgegeben, die Zivilbevölkerung hatte sich hinter die schützenden Mauern des Legionslagers zurückgezogen. Gleichzeitig führten Militär- und Verwaltungsreformen unter Kaiser Diokletian zu einer Verringerung der Truppenstärke. Man kann sich das Legionslager Vindobona im 4. Jahrhundert also als eine Festungsstadt vorstellen, in der sowohl Soldaten als auch Zivilist:innen lebten.
Da der Staatshaushalt in dieser Zeit aus verschiedenen Gründen stark geschwächt war, erhoben die römischen Behörden hohe Steuern von der Bevölkerung. Historische Quellen berichten, dass viele Menschen diese Abgaben nicht bezahlen konnten und deshalb auswanderten oder ins Schuldengefängnis kamen.
Gleichzeitig war die Spätantike auch eine Zeit des religiösen Umbruchs. Wurde man der Zauberei oder des Aberglaubens bezichtigt, konnte dies schwerwiegende Konsequenzen haben. Dies galt auch für tatsächliche oder vermeintliche Verschwörungen gegen das Kaiserhaus.
Das Leben in der Spätantike dürfte also von Unsicherheit und vielfältigen Belastungen geprägt gewesen sein. Betrachtet man den carcer von Vindobona in diesem Kontext, erklären sich womöglich auch seine außergewöhnlichen Ausmaße. Gleichzeitig muss nach wie vor Vieles offenbleiben – das archäologische Puzzle geht immer weiter …
Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.