Der Linienwall – Eine Fortsetzungsgeschichte

Autorin: Constance Litschauer, Nadine Geigenberger | Stand: 19.8. 2021

Zwei weitere Teilstücke der Matzleinsdorfer Linie des sogenannten Linienwalls konnten aufgenommen werden! Über die Beobachtungen im Zuge der Einrichtung eines Zugangs für die Arbeiten im Keller des Hauses haben wir bereits berichtet (siehe unten). Mittlerweile sind auch die Hausertüchtigungsmaßnahmen abgeschlossen.

Das bestehende Haus Margaretengürtel 60 wurde 1911 unter der Leitung von Baumeister Wenzel Rausch errichtet. Es weist heute noch Teile der Originalausstattung auf, wie etwa in den Gängen Wandgemälde zu den Themen Stadtbefestigung und Linienwall.

Im Zuge des Abtiefens im Keller traten wieder Reste des einstigen Linienwalls zum Vorschein. In derselben Flucht wie der Abschnitt draußen vor dem Nachbarhaus lagen in zwei Kellerräumen weitere Teilstücke des Annäherungshindernisses. Somit konnten wir bisher insgesamt einen rund 17 Meter langen Abschnitt des Linienwalls erfassen.

Übersichtsplan zu den dokumentierten Abschnitten des Linienwalls. Rechts unten: Entsprechender Ausschnitt aus einem Projektplan zur Abtragung des Linienwalls aus dem Jahr 1894. (Plan: Stadtarchäologie Wien/ARDIG – Archäologischer Dienst GesmbH; Projektplan: © Wiener Stadt- und Landesarchiv)

Die stark verdichtete Wallschüttung ist durch eine Eskarpe-Mauer aus Ziegeln verstärkt worden. Diese bestand aus einfachen ungestempelten Mauerziegeln im Läufer-Binder-Verband. Die unterschiedlichen Ziegelformate legen nahe, dass für die 1738 erfolgte Errichtung der Eskarpe-Mauer Material aus verschiedenen Ziegeleien verwendet wurde. Dies verwundert insofern nicht, da für diesen Verteidigungsbau große Mengen an Baumaterial erforderlich waren. Durch einen tiefer reichenden Bodeneingriff konnte die Mauer bis zu 1 Meter tief dokumentiert werden: Sie war nicht nur geböscht gemauert, sondern verjüngte sich auch nach oben hin.

Die Eskarpe-Mauer des Linienwalls in Schnitt 4 (links, Richtung Süden) und in Schnitt 2 (rechts, Richtung Norden) im Keller des Hauses Margaretengürtel 60. (Fotos: Stadtarchäologie Wien/ARDIG)

Östlich vorgelagert waren Verfüllschichten, die wohl dem Graben des Schutzbaus zuzuordnen sind. Sie datieren nach der Demolierung des Walls ab 1894. Die Grabenkante konnte jedoch nicht erfasst werden. Eventuell lag diese außerhalb des Untersuchungsgebietes oder sie war bereits zerstört.

Das Fundmaterial stammt aus diesen Schichten sowie aus einer Planierung über den Wallresten. Die Keramik datiert hauptsächlich in das 18. bis 19. Jahrhundert.1 Ein ebenso aufgefundenes Gefäßfragment der Römerzeit könnte vielleicht mit der in der Umgebung anzunehmenden Römerstraße in Verbindung gebracht werden.

Auch wenn bei den verschiedenen Baumaßnahmen für die zukünftige U2-Station Matzleinsdorfer Platz mit dem Antreffen des Linienwalls zu rechnen war, waren die verschiedenen Anhaltspunkte diesbezüglich bislang doch recht vage. So ergab die Überlagerung des heutigen Stadtplans mit historischen Plänen keine eindeutige Lokalisierung. Nun ist mit den aktuellen Dokumentationsarbeiten eine erste Präzisierung gelungen!

 

Linienwallsichtung am Margaretengürtel

Autorin: Constance Litschauer | Stand: 19.11. 2020

Seit geraumer Zeit begleitet die Stadtarchäologie Wien den U-Bahn-Bau am Matzleinsdorfer Platz, an der Grenze vom 5. zum 10. Wiener Gemeindebezirk. Denn neben dem auszubauenden Stationsgebäude finden bereits verschiedene Vorarbeiten mit archäologischer Funderwartung im Umfeld der U-Bahn-Trasse statt. Für eine Hausertüchtigungsmaßnahme im Gebäude Margaretengürtel 60 musste im Vorfeld nun ein Ersatzzugang in den Keller geschaffen werden. Dafür wurde auch ein Schnitt entlang der Front des Nachbarhauses Nr. 62 angelegt. Während im Jahr 2018 am nahe gelegenen Matzleinsdorfer Platz Mauern des Gasthauses „Zum Auge Gottes“ zu Tage kamen, konnten bei der aktuellen Baustelle – im und vor dem Haus – die vom ArchäologInnen-Team erwarteten Reste des sogenannten Linienwalls aufgedeckt werden!

Margaretengürtel 58–62, Blick nach Westen; Lage der untersuchten Bereiche (rot markiert) im Stadtplan von 1858 in Überlagerung mit der aktuellen Stadtkarte. (Foto: Stadtarchäologie Wien, Karte: © Wien Kulturgut)

Historischer Hintergrund

Beim Linienwall handelt es sich um ein zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtetes Annäherungshindernis, das die rasant wachsenden Vorstädte Wiens vor den Einfällen der antihabsburgisch gestimmten Kuruzzen aus Ungarn schützen sollte.2
Angeregt vom damaligen Hofkriegsratspräsidenten Prinz Eugen von Savoyen beauftragte Kaiser Leopold I. im Jahr 1704 den damaligen Vizestatthalter, Graf von Welz, mit der Durchführung des Bauprojekts. Innerhalb weniger Monate wurde ein Erdwall errichtet, der zur besseren Verteidigung über einen feindseitigen (?) Graben verfügte. Unter Kaiser Karl VI. wurde die in einem Radius von rund 13 km um die Stadt angelegte Befestigung aufgrund ihrer Mangelhaftigkeit bis 1738 durch eine grabenseitig angestellte Ziegelmauer verstärkt.
Mit der Abwendung der Gefahr aus Ungarn und dem Ende des Spanischen Erbfolgekrieges 1714 entwickelte sich die gut kontrollierbare physische Grenze immer mehr zur Steuergrenze. Während die Steuereinnahmen sprudelten, musste die Demarkationslinie allerdings kaum noch feindlichen Angriffen standhalten. Als Napoleon am Beginn des 19. Jahrhunderts vor den Toren Wiens stand, stellte der Wall aufgrund der fortgeschrittenen Artillerietechnik kein ernstzunehmendes Hindernis mehr dar. Eine letzte Rolle als Kampfschauplatz spielte der Linienwall, als die Wiener Bürger angesichts der hohen Steuerlasten und Lebenserhaltungskosten im Zuge der Oktoberrevolution 1848  den Wall besetzten. Der Aufstand wurde nach heftigen Kämpfen von den kaiserlichen Truppen alsbald niedergeschlagen.

„Die Erstürmung der St. Marxer Linie, am 28ten October 1848“ und der Linienwall bei Margareten in einer fotografischen Aufnahme von Ferdinand Ritter von Staudenheim, 1894. (© Wien Museum)

Im Jahr 1894 wurde schließlich mit dem Abbruch des Linienwalls begonnen und die heute noch das Stadtbild prägenden Projekte Gürtelstraße und Stadtbahntrasse in Angriff genommen.

Verlauf und Aufbau des Linienwalls

Das historische Plan- und Kartenmaterial3 vermittelt uns schon ein relativ genaues Bild zum Verlauf dieser in Zickzacklinie um den Vorstadtgürtel geführten jüngsten Umwehrung, die anfangs neun und später zwölf Tore aufwies.

Die Lage der neun Tore des Linienwalls im Grundrissplan des Joseph Anton Nagel, 1770–1773 (1780/81). (© WStLA)

Auch gibt es Berichte, dass der Wall neun bis zwölf Fuß hoch und breit gewesen sein soll – entspricht rund 2,8 bis 3,8 m – und mit einem vorgelagerten, anderthalb Klafter tiefen Graben – etwa 2,8 m – ausgestattet war. Genaue Informationen zur Beschaffenheit und Lokalisierung können allerdings nur archäologische Dokumentationen liefern.
Entsprechende Ergebnisse liegen uns beispielsweise durch Aufgrabungen im nahen 3. Wiener Gemeindebezirk vor: Am Wildgansplatz, am Landstraßer Gürtel und in der Dr.-Bohr-Gasse war die geböschte Ziegelmauer des Walls teilweise noch bis zu 3 m hoch erhalten. An diesen drei unterschiedlichen Stellen zeigte sich, dass für den Erdwall selbst das anstehende Material genutzt wurde. Die später angebaute Ziegelmauer war je nach Geländevoraussetzung unterschiedlich tief bzw. hoch und auch die Mauerstärke variierte – soweit bislang bekannt – zwischen 0,50 und 0,80 m. Die in Läufer-Binder-Technik errichtete Mauer war, zumindest in manchen Abschnitten, verputzt. Der vorgelagerte Graben wies eine Breite von 4 bis 5 m auf sowie eine Tiefe von bis zu 3 m.

Bei Ausgrabungen der Stadtarchäologie Wien aufgedeckte Überreste des Linienwalls im 3. Wiener Gemeindebezirk: Links Wildgansplatz, rechts Landstraßer Gürtel. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Neue Überreste des Linienwalls am Margaretengürtel

Vor dem Haus Margaretengürtel 62 und im Keller des Hauses Nr. 60 konnten nun weitere Segmente des Linienwalls aufgenommen werden. Wir befinden uns historisch gesehen im Bereich des östlich des damaligen Wienerberger Tores gelegenen Zackens der Matzleinsdorfer Linie.
Hier bestand der rund 3 m unterhalb des gegenwärtigen Gehniveaus angetroffene Erdwall aus mehreren Lagen des örtlich vorhandenen Donauterrassenschotters, der grabenseitig erwartungsgemäß durch eine geböschte Ziegelmauer verstärkt war. Das signifikante, sich im Querschnitt nach unten verbreiternde Mauerwerk mit einer maximalen Stärke von 0,75 m war leicht nach Westen geneigt. Die in Läufer-Binder-Technik versetzten, durchwegs ungestempelten Ziegel wiesen das Format 26,5 x 13,5 x 6,5 cm auf.

Der aus anstehendem Flussschotter gebildete Wall nach Westen und die zur Verstärkung errichtete Ziegelmauer in Läufer-Binder-Technik. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Im Osten vorgelagert fanden sich schließlich Verfüllschichten, die dem Graben des Schutzbaus zuzuordnen sind. Sie sind zeitlich nach dem Abbruch des Linienwalls ab 1894 anzusetzen und als heterogen zu bezeichnen. Sie lassen sich in unterschiedliche lehmige und sandige Lagen, aber auch in Brandschichten verschieden graubrauner bis schwarzer Farbe und lockerer bis fester Konsistenz mit verschiedenen anthropogenen Einschlüssen wie Ziegelbruch, Holzkohle und Kalkspatzen differenzieren. Grabenkanten wurden hingegen nicht angetroffen, sie dürften östlich außerhalb des Schnittes liegen.

Blick auf die an den Wall angestellt errichtete Ziegelmauer nach Norden und heterogene Verfüllschichten des dem Wall vorgelagerten Grabens nach Osten. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Damit bleibt es am Matzleinsdorfer Platz bei den noch fortwährenden Bauarbeiten spannend und man darf sich weitere Überreste der Matzleinsdorfer Linie erhoffen. Wir werden hier natürlich auch darüber berichten!

Matzleinsdorfer Linie um 1880, lavierte Federzeichnung (Ausschnitt) von Wilhelm Grögler. (© Wien Museum)

Anmerkungen:

  1. Herzlichen Dank an Ingeborg Gaisbauer (Stadtarchäologie Wien) für die Fundbestimmung.
  2. Zur Geschichte und Nutzung sowie zu den bekannten Überresten des Linienwalls siehe Ingrid Mader, Der Wiener Linienwall. Vom Schutzbau zur Steuergrenze. Wien Archäologisch 9, Wien 2012 und Ingrid Mader mit einem Beitrag von Sabine Grupe, Der Wiener Linienwall aus historischer, topographischer und archäologischer Sicht. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 14, 2011, S. 144–163.
  3. Hier ist vor allem der Kupferstich von Leander Anguissola und Johann Jakob Marinoni aus dem Jahr 1706 zu nennen.