Leichen im Keller

AutorInnen: Michaela Binder, Heike Krause, Constance Litschauer, Matthias Sudi, Domnika Verdianu | Stand: 14. 8. 2020

Im Vorfeld der Errichtung der neuen U2-Trasse wurde das Haus Mondscheingasse 4 statisch gesichert. Diese Hausertüchtigung umfasste die Unterfangung der Fundamente und das Einbringen von Stahlbetonplatten in den Kellerräumen. Dafür wurde das vorhandene Kellerniveau im November 2019 unter archäologischer Beobachtung um 25 bis 30 cm abgetieft.

Der Friedhof von St. Ulrich

Das Haus wurde im frühen 19. Jahrhundert auf dem Gelände des einstigen Friedhofs der Vorstadt St. Ulrich errichtet, der 1590 geweiht wurde – ein Jahr nach der Erhebung der Kirche St. Ulrich zur Pfarre. Über die Lage des Friedhofs geben historische Pläne und Ansichten Auskunft, etwa die Vogelschau von Joseph Daniel Huber (1769–1774) aus der Sammlung des Wien Museums. Sie zeigt den von einer Mauer umgebenen Friedhof mit der 1658 erbauten Johanneskapelle. Der Zugang zum Friedhof lag am Holzplatzl (heute Siebensternplatz). Im aktuellen Stadtplan ist das Areal zwischen der Zoller-, Siebenstern- und Mondscheingasse anzusiedeln.
Ende des Jahres 1783 wurde der Friedhof aufgelassen, denn Kaiser Josef II. verfügte im Zuge seiner Sanitätsreformen die Schließung aller Friedhöfe innerhalb des Linienwalls.1 Die Gebeine verblieben jedoch unter der Erde. Daher kamen bei Baumaßnahmen bereits ab dem 19. Jahrhundert auf dem einstigen Friedhofsareal immer wieder Skelettreste zutage.2

Der Friedhof mit der Johanneskapelle und die Pfarrkirche St. Ulrich in der Vogelschau von Joseph Daniel Huber (1769–1774), Blickrichtung Westen. (© Wien Museum) und archäologische Fundstellen (färbige Kreise) im Bereich des einstigen Bestattungsareals. (© Wien Kulturgut)

Die Gräber wurden dem christlichen Totenritus entsprechend mit dem Kopf im Westen und den Füßen im Osten angelegt. Auf diese Weise konnten die Verstorbenen in Erwartung des Jüngsten Gerichts nach Osten blicken. Während Grabstellenverzeichnisse nicht erhalten sind, zeugen die archäologischen Befunde von einer überaus dichten Belegung des Friedhofs. Denn in den Gräbern und um sie herum wurden zahlreiche umgelagerte Knochen angetroffen, die von älteren, durch Anlage jüngerer Gräber gestörten Bestattungen stammten. In diesem Zusammenhang stehen auch die vermutlich als Beinhäuser genutzten Gewölbe mit großen Mengen an menschlichen Knochen, die 1876 bei Bauarbeiten in der Mondscheingasse 12 entdeckt wurden.3
Die etwaige Anzahl der Bestattungen lässt sich über die ab 1634 mit Unterbrechungen erhaltenen Sterbebücher der Pfarre St. Ulrich hochrechnen. So kann für die Belegungszeit von 193 Jahren schätzungsweise eine Summe zwischen 30.000 und 40.000 Bestattungen angenommen werden, obwohl die Zahlen aufgrund immer wiederkehrender Epidemien und Kriegsereignisse stark schwankend gewesen sein dürften.
Die Sterbebücher geben auch Auskunft über die Demographie und Sozialstruktur der Vorstadtbewohner und -bewohnerinnen. Darin verzeichnet sind neben den Gebühren für das Begräbnis, der Sterbeort sowie ab 1685 auch das Sterbealter, in vielen Fällen auch der Beruf des/der Verstorbenen, Religion und Geburtsort. Auf dem Friedhof wurden vorwiegend weniger Begüterte, Arme und Mittellose, Alte, Kinder und auch Fremde bestattet. Sie entstammten vor allem aus Familien kleiner Handwerker und Gewerbetreibender, waren Dienstpersonal, Tagelöhner oder Söldner. Zudem ist die Anzahl verstorbener und im Friedhof begrabener Kinder sehr hoch. Die Kindersterblichkeit in Wien und seinen Vorstädten betrug im 17./18. Jahrhundert aufgrund von Seuchen, Infektionskrankheiten und Mangelernährung mehr als 50 Prozent.

Das Haus Mondscheingasse 4

Schon 1790 kaufte der Seidenfärber Lorenz Vinier das gesamte ehemalige Friedhofsareal, das zunächst als Wiese diente. Wenig später wurde es in 14 Parzellen unterteilt und mit Häusern verbaut.4 Im Plan der Wiener Vorstädte5 des Stadtbauinspektors Anton Behsel aus dem Jahr 1825 sind die Baulinien des Hauses in der Mondscheingasse 4 dargestellt. Erhaltene Baupläne aus dem 19. Jahrhundert machen deutlich, dass die Grundmauern bis zum zweiten Geschoß des Vorderhauses sowie des südlichen Hoftrakts im Wesentlichen noch aus der Entstehungszeit nach 1800 und die des Hofgebäudes im Westen aus der Zeit von 1852 erhalten sein dürften. Ab 1891 wohnte der Erfinder, Ingenieur und Automobilpionier Siegfried Marcus hier. Er betrieb eine „Fabrik mechanischer und physikalischer Instrumente und Apparate“.6 Eine Gedenktafel an der Gebäudefassade erinnert daran. Seit fast 100 Jahren wird im Haus eine Glaserwerkstätte betrieben.

Ergebnisse der archäologischen Untersuchung

Die Abtiefungsarbeiten in einem östlichen Kellerraum erbrachten nur insofern Hinweise auf den früheren Friedhof, da sich in der bauzeitlichen Aufschüttung umgelagerte menschliche Knochen befanden. Im Kellerraum im Westen hingegen wurden sowohl eine Grabgrube mit zwei übereinander liegenden Bestattungen als auch Reste eines gemauerten Brunnens entdeckt. Der Brunnen wurde wohl nach Auflassung des Friedhofs errichtet, verlor jedoch im Laufe des 19. Jahrhunderts durch Zubau eines Hoftrakts seine Funktion. Die Keramik in der obersten Brunnenverfüllung datiert ins 19. Jahrhundert.

Rest eines gemauerten Brunnens, der nach Auflassung des Friedhofs errichtet wurde, Blickrichtung Osten. (Foto: Stadtarchäologie Wien/Novetus GmbH)

Die Grablege zweier Frauen

Die zwei Bestattungen lagen dicht übereinander. Holzreste über und neben Individuum 1 deuten auf eine Beisetzung in einem einfachen Holzsarg hin. Vom Skelett waren lediglich Kopf und Oberkörper erhalten. Trotz der Störung waren die Knochenoberflächen in recht gutem Zustand, so dass eine anthropologische Untersuchung Ergebnisse zu Sterbealter, Geschlecht und Krankheiten bringen konnte. Es handelte sich um eine Frau, die im Alter zwischen 20 und 30 Jahren verstarb. An den wenigen noch vorhandenen Zähnen waren lineare Schmelzhypoplasien festzustellen, die auf Wachstumsstörungen aufgrund chronischer Krankheit oder Mangelernährung zurückzuführen sind. Darüber hinaus wiesen die Zähne zahlreiche Kariesherde auf, vom linken äußeren Schneidezahn war nur mehr die Zahnwurzel erhalten. Am Skelett konnten keine pathologischen Veränderungen festgestellt werden. Jedoch führen nur chronische Krankheiten, die zumindest zwei bis drei Wochen bestehen, zu Veränderungen an den Knochen, so dass dies nicht bedeuten muss, dass die Frau zu Lebzeiten gesund war.
Unmittelbar unter Individuum 1 lag eine weitere Bestattung (Individuum 2). Obwohl die Knochenoberflächen dieses Skeletts allgemein gut erhalten waren, war ein Großteil der spongiösen Teile wie Gelenksenden, Wirbel und Becken nicht oder nur fragmentarisch vorhanden. Auch Individuum 2 war eine Frau, die zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 35 und 50 Jahre alt war. Die Körperhöhe dürfte zwischen 1,55 und 1,64 m gelegen sein. Wie Individuum 1 litt auch diese Frau unter deutlichen Zahnpathologien mit Entzündung der Kieferknochen sowie bereits zu Lebzeiten verlorenen Zähnen. Deutliche Knochenneubildungen an den Ober- und Unterschenkeln weisen auf unspezifische chronisch-entzündliche Prozesse sowie eine starke Beanspruchung der Muskulatur hin. Die leichte Deformation der Unterarme könnte auf eine Rachitis (chronischer Vitamin-D-Mangel) im Kindesalter hindeuten – eine Erkrankung, die sich in Wiener Friedhöfen der frühen Neuzeit häufig beobachten lässt.
Der Zustand der Knochen der beiden Frauen spiegeln die Lebensbedingungen in der frühneuzeitlichen Vorstadt, die von niedriger Lebenserwartung, Mangelernährung und chronischen Infektionskrankheiten wie Typhus, Ruhr und Tuberkulose geprägt waren.

Die beiden in einer Grabgrube übereinander bestatteten Individuen. (Fotos: Stadtarchäologie Wien/Novetus GmbH)

Religiöse Objekte als Beigaben

Beide Individuen waren mit religiösen Beigaben ausgestattet worden. Bei Individuum 1 fand sich im Handbereich ein Rosenkranz aus Knochenperlen mit einer Medaille als Einhänger und einer Wendekopfperle als Abschluss. Die Perle erinnert mit dem geschnitzten Antlitz Christi und dem Totenschädel an antike Janusköpfe. Sie ist ein Memento-Mori-Symbol und damit Sinnbild für die Vergänglichkeit.7
Die Medaille zeigt auf der Vorderseite die nimbierte Büste Jesu, der mittels Aufschrift SALVATOR MVND SALV[…] als Erlöser der Welt ausgewiesen wird. Die Rückseite wird von der nimbierten Büste Marias eingenommen, deren Brust von einem Schwert durchbohrt wird und daher ikonografisch als Maria Dolorosa oder schmerzhafte Muttergottes zu deuten ist.8 Man erhoffte sich in der Sterbestunde Marias Dienste als Mittlerin beim Jüngsten Gericht, vor allem durch ihren Titel REFVGIVM PECCATORVM O.P.N. bietet sie auch Sünder/innen Zuflucht.9

Beigaben von Individuum 1: Reste eines Rosenkranzes aus Knochenperlen mit Medaille und doppelgesichtiger Totenkopfperle als Anhänger. Maßstab in cm. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Die ältere Frau war mit einer einfachen Gebetsschnur sowie einem Amulett im Bauchbereich unter den gekreuzten Händen bestattet. Das geprägte und ursprünglich rundliche Amulett aus Buntmetallblech kann trotz des äußerst schlechten Erhaltungszustandes als Benediktuspfennig identifiziert werden. Nur der erste und die beiden letzten Buchstaben der umlaufenden Aufschrift sind noch zu erkennen. Sie sind Teil des Benediktusschildes mit dem apotropäisch wirkenden Segen VRSNSMVSMQLIVB – Vade Retro Satana, Nunquam Suade Mihi Vana, Sunt Mala, Quae Libas: Ipse Venena Bibas („Weiche zurück Satan, führe mich niemals zur Eitelkeit. Böse ist, was du mir einträufelst: trinke selbst dein Gift“). Habitus, Form und Material des Stückes erinnern an Benediktuspfennige, die nach Vorbildern der Salzburger Stempelschneiderdynastie Seel10 entstanden sind. Dies legt eine Herstellung nach 1660 nahe.11 Aufgrund der Entstehungszeit dieser Beigabe fanden die Trauerfeierlichkeiten der beiden Verstorbenen frühestens ab dem letzten Drittel des 17. Jahrhunderts statt.

Benediktuspfennig als Beigabe von Individuum 2 und Schutzzettel aus der Grabgrubenverfüllung. Maßstab in cm. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Die Grabgrubenverfüllung enthielt ein weiteres religiöses Objekt, das jedoch in keinem Zusammenhang mit den Bestatteten steht. Der ursprünglich rechteckige Anhänger aus einem Bildträger aus Baumwollpapier sowie einer Fassung aus Buntmetall und Glas war ein sogenannter Schutzzettel. Er kann auch als Breverl bzw. Schutzbrief12 bezeichnet werden und diente als Talisman oder Heilmittel. Der kleine Kupferstich zeigt das Brustbild der thronenden Mutter Gottes vom Typ Galaktotrophousa (Maria lactans = Stillende Maria). Ihr Titel Consolatrix Afflictorum lässt sie als Trösterin der Betrübten bzw. als Lauretanische Trösterin erkennen. Als Vorbild dürfte das italienische Gnadenbild in der Kaiserkapelle der Kapuzinerkirche am Neuen Markt in Wien gedient haben. Dieses barocke Gemälde, das die mittelalterliche Madonna di San Guglielmo kopiert, wurde 1727 nach Wien gebracht.13 Damit bietet das als Vorlage dienende Gnadenbild einen wichtigen Hinweis auf den Entstehungszeitraum des Fundstücks, das demnach erst danach hergestellt worden sein kann.
Diese kleinen, mit Namen oder Bildern von Heiligen bedruckten Zettel wurden nicht nur am Rosenkranz oder am Körper zum Schutz vor Dämonen, Krankheiten oder Unheil getragen, sondern konnten zur gesteigerten Wirkung auch geschluckt werden. Über die Hoffnungen seines ehemaligen Trägers bzw. seiner Trägerin kann man jedoch nur mutmaßen.

Anmerkungen:

  1. Werner T. Bauer, Wiener Friedhofsführer. Genaue Beschreibung sämtlicher Begräbnisstätten nebst einer Geschichte des Wiener Bestattungswesens, 5. Auflage, Wien 2004, S. 27.
  2. Michaela Binder/Heike Krause, Der ehemalige Friedhof zu St. Ulrich in Wien-Neubau. Ausgrabung Zollergasse 32. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 13, 2010, S. 122–124. Im Jahr 2011 wurden zuletzt bei Fundamentierungsarbeiten in der Mondscheingasse 6 Reste mehrerer Bestattungen angetroffen: Nikolaos Piperakis, Wien 7, Mondscheingasse 6. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 15, 2012, S. 201–203.
  3. Wilhelm Kisch, Die alten Straßen und Plätze von Wien‘s Vorstädten und ihre historisch interessanten Häuser. Ein Beitrag zur Culturgeschichte Wiens mit Rücksicht auf vaterländische Kunst, Architektur, Musik und Literatur. Band 2, Wien 1895, Reprint 1967, S. 469.
  4. Kisch, Die alten Straßen und Plätze (siehe Anm. 3), S. 469; Hans Rotter, Neubau. Ein Heimatbuch des 7. Wiener Gemeindebezirkes, Wien 1925, S. 125.
  5. https://www.wien.gv.at/kulturportal/public/ s. v. Historische Pläne, Behsel 1825, Behsel – Neubau.
  6. Adolph Lehmann’s allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- und Gewerbe-Adreßbuch für die k.k. Reichs-Haupt- u. Residenzstadt Wien und Umgebung, Wien 1891, S. 771, rechte Spalte.
  7. Gottfried Stangler (Hrsg.), Kunst des Heilens. Aus der Geschichte der Medizin und Pharmazie. Katalog der Niederösterreichischen Landesausstellung in Gaming vom 4. Mai bis 27. Oktober 1991, Wien 1991, S. 392 Objekt-Nr. 7.61.
  8. Stefan Fassbinder, Wallfahrt, Andacht und Magie. Religiöse Anhänger und Medaillen. Beiträge zur neuzeitlichen Frömmigkeitsgeschichte Südwestdeutschlands aus archäologischer Sicht. Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters Beiheft 18, Bonn 2003, S. 281 f. und S. 290.
  9. Georges Descœudres u. a., Sterben in der Schwyz. Beharrung und Wandlung im Totenbrauchtum einer ländlichen Siedlung vom Spätmittelalter bis in die Neuzeit. Geschichte – Archäologie – Anthropologie. Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters Band 20/21, Basel 1995, S. 119 f. mit Anm. 106; Fassbinder, Wallfahrt, Andacht und Magie (siehe Anm. 8), S. 297.
  10. Vgl. Peter Keller (Hrsg.), Glaube und Aberglaube. Amulette, Medaillen und Andachtsbildchen. Katalog zur Sonderschau des Dommuseums zu Salzburg, 21. Mai bis 26. Oktober 2010, Band 2, Salzburg 2010, S. 35 f., Katalognr. 34–43.
  11. Vgl. Fassbinder, Wallfahrt, Andacht und Magie (siehe Anm. 8), S. 240 (Typ 2) und vgl. S. 244–246; vgl. auch Descœudres u. a., Sterben in der Schwyz (siehe Anm. 9), S. 110 bzw. Keller, Glaube und Aberglaube (siehe Anm. 10), S. 169 f.
  12. Marie Andree-Eysn, Volkskundliches aus dem bayrisch-österreichischen Alpengebiet, Braunschweig 1910, Nachdruck Hildesheim/New York 1978, S. 67–70, S. 120–125, bes. S. 120 f.: vom Lateinischen „breve“ = kurzer Brief.
  13. Keller, Glaube und Aberglaube (siehe Anm. 10), S. 360, Katalognr. 9.282–9.284; Dehio Wien. I. Bezirk – Innere Stadt, Wien 2003, S. 80.