„Verkauft’s mei G’wand, i bin im Himmel“

Autorin: Constance Litschauer

Der in Hernals lebende Salzburger Dichter Ferdinand Sauter (1804–1854) mag beim Schreiben dieser Zeilen das 1786 aufgelassene Bestattungsareal am St.-Bartholomäus-Platz vielleicht noch erahnt haben, ehe er an Cholera erkrankte und am neuen Hernalser Friedhof (1784–1872) bestattet wurde. Heute erinnern oberirdisch nur noch der Kalvarienberg und die Kalvarienbergkirche an die einst den Platz prägende sakrale Landschaft. Unterirdisch sieht das anders aus, wie archäologische Untersuchungen bestätigen.

„Das Schloss Hernals und seine Umgebung“. Matthäus Merian zeigt auf der Ansicht aus dem Jahr 1649 noch das „Auslaufen“ zur Predigt nach Hernals zu Beginn des 17. Jahrhunderts. (Wien Museum, Inv.-Nr. 19247)

Südlich des Elterleinplatzes und damit des früheren, nicht kanalisierten Verlaufs des Alser Baches, liegt am Rand des Wienerwaldes der alte, auf das Mittelalter zurückgehende Ortskern von Hernals. Das bis zu seiner Eingemeindung nach Wien (1890/1892) eigenständige Dorf wurde seit dem Mittelalter nicht nur von einem Herrenhof bzw. dem späteren Schloss der Herren von der Als gekennzeichnet, sondern auch von einem Friedhof und einer dem Hl. Bartholomäus geweihten Kirche. Hier konnte sich bis zur Gegenreformation ein protestantisches Zentrum entwickeln, da zu den Herrschaften auch die zwischen 1515 und 1622 amtierenden Familien Geyer und Jörger zählten, die bekennende Anhänger Martin Luthers (1483–1546) waren.

Der Kupferstich „Prospect deß Calvari Bergs zu Hernals“ (Kalvarienberggasse) von Salomon Kleiner, Georg Daniel Heumann und Johannes Andreas d. Ä. Pfefferl aus dem Jahr 1724 zeigt im Vordergrund die überdimensionierte Annenkapelle sowie den Kalvarienberg mit der Bergkirche und einen Teil des Friedhofsareals mit einem Hochkreuz. (Wien Museum, Inv.-Nr. 19248).

Im Zuge der Rekatholisierung unter Kaiser Ferdinand II. (1619–1637) entwickelte sich das Gebiet schließlich zu einem Wallfahrtsort, zu dem Prozessionen von St. Stephan führten. Mit der Einrichtung ging ab 1639 auch ein gebührender Ausbau des sakralen Platzes einher. Ein Hl. Grab als Abbild der Grabeskirche in Jerusalem entstand sowie 1644 die Frauen- bzw. spätere Annenkapelle und 1710 der Kalvarienberg mit seiner Bergkirche, der heutigen Hernalser Pfarrkirche. Im Jahr 1693 wurde die im Laufe der Zeit bereits mehrmals umgebaute alte Pfarrkirche neuerlich erweitert und auch die Ausrichtung der Gräber wechselte in dieser Phase: Viele orientierten sich nun am Kalvarienberg und der Frauen- bzw. Annenkapelle.

Grabungsplan mit den 2009 aufgedeckten Gräbern und der 1958 im Zuge des Abbruchs eines alten Hauses aufgedeckten Überreste des Chors der alten St.-Bartholomäus-Kirche. (Plan: Stadtarchäologie Wien)

Die Neuausrichtung der Gräber belegt ein Teil der mehr als 300 Gräber, die 2009 im Zuge der Neugestaltung des St.-Bartholomäus-Platzes in nur 0,6 m Tiefe unterhalb der Platzoberfläche geborgen werden konnten. Die Gräber befanden sich auf zwei jeweils durch eine Mauer eingefriedeten Bestattungsarealen. Beide waren bis zur Säkularisierung des Friedhofs in Verwendung, die mit der Schleifung der alten Pfarrkirche im Jahr 1786 endgültig vollzogen war. Bis dahin umgab der seit dem Mittelalter genutzte ältere Bestattungsplatz die St.-Bartholomäus-Kirche, während der jüngere – vermutlich 1641 geweihte – den Kalvarienberg im Westen flankierte.

Auf beiden Friedhofsarealen kam es aufgrund des begrenzten Platzangebotes zu Wiederbelegungen. Die Gräber lagen manchmal übereinander, häufig zerstörten jüngere Gräber ältere Ruhestätten. In Grabgruben aufgedeckte Holzreste zeigten außerdem, dass viele der in Rückenlage Beigesetzten in Särgen und wohl auch auf damals noch gebräuchlichen Totenbrettern begraben wurden. Fehlen diese Hinweise, ist gegebenenfalls von einer Beisetzung nur im Leichentuch auszugehen. Die Arme der Bestatteten fanden sich sehr oft angewinkelt und die Hände – nicht selten im Gebetsgestus gefaltet – im Bauch- oder Brustbereich abgelegt. Sie entsprechen damit dem katholischen Beisetzungsritus der Neuzeit.

Sich überschneidende Gräber unterstreichen die enge Belegung am Friedhof, gut erhaltene Holzreste die Verwendung von Särgen. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Aufgrund der ebenfalls besonders im Zuge der Gegenreformation aufkommenden Sitte, den Verstorbenen religiöse Gegenstände und Schmuck mitzugeben, boten sich die sorgsam und fromm positionierten Hände an, sie mit Beigaben zu schmücken. Das belegen die vielen gefundenen Rosenkränze und verschiedenen religiösen Anhänger bzw. Medaillen ebenso wie einige Fingerringe.

Rosenkränze und religiöse Medaillen als Grabbeigaben. Das vergoldete Wallfahrtsandenken aus Mariazell zeigt die Darstellung des Gnadenbildes über der Basilika sowie den Hl. Wandel bzw. den Auszug der Hl. Familie aus Jerusalem. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / Christine Ranseder)

Neben Grabbeigaben konnten zudem häufig Trachtbestandteile bei den Bestatteten dokumentiert werden. Ihr Vorhandensein geht auf die sich ebenfalls in der Neuzeit durchsetzende Sitte zurück, die Verstorbenen für die Aufbahrung sowie ihren letzten Weg festlich zu kleiden. Neben zahlreichen Häkchen und Ösen, die beispielsweise zum Verschließen des Totenhemdes dienten, konnten auch hochwertige Funde festgestellt werden. Dazu zählen u. a. aus feinen Drähten, Fäden, Perlen, Kunstblumen, Kräutern und sonstigem Zierrat gefertigter Kopfschmuck, eine hochwertige Metallborte und Gürtel. Gut erhalten blieb beispielsweise ein versilberter, aus zusammengesetzten Einzelelementen gestalteter Segmentgürtel, der zwischen dem mittleren 16. und der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts hergestellt wurde.

Kranzförmiger Kopfschmuck sowie Häkchen und Ösen im Halsbereich als Überreste der Totentracht sowie ein im Hüftbereich einer Bestattung erhaltener versilberter Segmentgürtel bei der Freilegung. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Während Funde Auskunft zum sozialen Status und den Bestattungssitten geben, gewähren Skelettreste Einblick in den Lebensalltag der Verstorbenen. Abgesehen von bislang nur wenigen in diesem Areal dokumentierten Kinderbestattungen, erzählen die sterblichen Überreste der hier beerdigten Frauen und Männer von – kurz gesagt – schlechten Lebensbedingungen. Dem entspricht das meist junge Sterbealter. Anthropologische Untersuchungen (Novetus GmbH) haben darüber hinaus ergeben, dass kein einziges Individuum älter als 60 Jahre alt wurde. In dieses triste Bild fügen sich Hinweise auf Mangelerkrankungen wie Rachitis (Vitamin-D-Mangel) und Skorbut (chronischer Vitamin-C-Mangel). Veränderungen an den Knochen verweisen auf Gicht und Rheuma sowie auf verschiedene Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Syphilis hin. Wenig überraschend ergänzen schwere Verletzungen, aber auch verheilte Knochenbrüche das Spektrum und auch die uns heute noch quälenden Erkrankungen der Zähne sowie des Zahnhalteapparates fehlen nicht.

Blick auf einen Teil der Grabungsfläche im Jahr 2009 zu Füßen der Hernalser Pfarrkirche. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Wer ein bisschen mehr zum Friedhof am St.-Bartholomäus-Platz erfahren möchte, kann gerne hier weiterlesen.