Autorin: Ingeborg Gaisbauer

Mit den Vorstädten ist es eine ganz eigene Geschichte: Man weiß, dass sie da waren, aber ihre genaue Ausdehnung, ihre Struktur, die Lage von Handwerksbetrieben, die in schriftlichen Quellen erwähnt werden, die soziale „Durchmischung und Staffelung“ – all das ist immer noch Gegenstand der historischen und archäologischen Forschung.
Aus archäologischer Sicht muss man sich aber vor allem folgende Frage stellen: Was für Funde und Befunde sind auf Grund der sehr speziellen Situation von Lage und wechselhafter Geschichte der Vorstädte überhaupt auf uns gekommen und in welchem Zustand? Wie aussagekräftig sind die archäologischen Quellen, oder – genauer gesagt – über welche Prozesse „vor der Stadtmauer“ des mittelalterlichen Wiens geben sie uns wirklich Aufschluss? Zeit für eine kleine Bestandsaufnahme mit sehr viel weiterführender Literatur für Wissbegierige …
Was wir archäologisch von den mittelalterlichen Wiener Vorstädten wahrnehmen, ist unterschiedlich stark beeinflusst durch die erste (und zweite) osmanische Belagerung und durch den Bau der Bastionen danach. Wir haben es also so oder so mit Spuren von Zerstörung, mehr als mit denen einer Abfolge von Überbauungen zu tun. Dass die besagten Belagerungen eine massive Beschädigung der vorstädtischen Verbauung zur Folge hatten, muss hier wohl nicht erläutert werden. Grundsätzlich können aber auch die Bastionen für vorstädtische Strukturen als gewaltiger baulicher und zerstörender Eingriff gesehen werden. Versuchen wir es also mit einer kleinen Rundreise und beginnen dabei, geschuldet den sommerlichen (?) Temperaturen, beim Nachfolger des innenstadtnahen Donaualtarms, vulgo „Donaukanal“.
Zum Wasser hin
Drei Ausgrabungen der letzten Jahre haben sich auf dieser Seite des mittelalterlichen Wiens in erster Linie mit den dort gebauten Bastionen, der Hydromorphologie und in der Folge auch den Überresten der mittelalterlichen Vorstadt beschäftigt: Die Ausgrabungen Neutorgasse 4−8, Wipplingerstraße 33 und 35 und Werdertorgasse 6, wobei sich die Arbeiten in der Neutorgasse und der Wipplingerstraße schwerpunktmäßig um die jeweiligen Bastionen – Neutorbastion und Elendbastion – drehten. Überreste der mittelalterlichen Vorstadt kamen allerdings bei allen drei Ausgrabungen nur sehr sporadisch zu Tage.

Mauer und Graben des römischen Legionslagers, die teilweise im Mittelalter noch genutzt wurden (Pink). Die mittelalterliche Stadtmauer und der Stadtgraben (Rot/Orange). Das Stadtgebiet innerhalb der Stadtmauer nach dem Plan des Bonifaz Wolmuet, 1547. (Plan: Stadtarchäologie Wien)
Neutorgasse 4−8
Für die Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts belegen verschiedenste schriftliche Quellen Grundbesitz „vor dem Werdertor“ – nur eine der Ortsbezeichnungen für den durch die Ausgrabung relevanten Bereich. Oft geht es um den Besitzerwechsel eines Grundstücks bzw. eines darauf stehenden Objekts. Dabei wird leider meist die Lage und die Beschaffenheit des Bauwerks nicht genauer beschrieben, dafür belegt die relative Häufigkeit von Transaktionen vor der „porta insularum“ – die lateinische Bezeichnung für das Werdertor – ab dem 14. Jahrhundert deutliche Siedlungsaktivität. Dass sich in diesem Umfeld die Bezeichnung „Fischer“ nicht nur in Ortsangaben findet, sondern oft genug als Berufsbezeichnung wiederkehrt, darf nicht verwundern. Mit dem Einsetzen der schriftlichen Überlieferungen taucht im Zusammenhang mit dieser Ansiedlung vor der Mauer auch bald der Name „Unter den Fischern“ auf. Dieses „Fischerdörfl“ existierte bis zur ersten osmanischen Belagerung. Während der Belagerung, oder eher in deren Vorfeld zerstört.
Aus der spätmittelalterlichen Vorstadt stammen vor allem eher schlecht erhaltene Fußbodenüberreste, Gruben, Gräbchen und Pfostenlöcher. Auch Steinmauern aus dieser Zeit dürften sich erhalten haben, deren schlechter Erhaltungszustand macht allerdings eine genaue Datierung oft unmöglich. Spätmittelalterliche Keramik findet sich durchaus in großer Menge, aber meist in eher schlechtem Zustand und mehrfach durch spätere Maßnahmen verlagert.

Nichtsdestotrotz zeigte sich in der Neutorgasse exemplarisch, was besagte Überreste deutlich geprägt hat: Die Aufgabe vor der ersten osmanischen Belagerung, die mitunter zu etwas bizarren Situationen führte. Einer der sprechendsten Befunde dieser Art ist ein zerbrochener Krug auf einem spätmittelalterlichen Fußboden, mehr oder weniger dort belassen, wo er bei „rennet, rettet, flüchtet, die Osmanen kommen“ auf den Boden gefallen war und natürlich liegengelassen wurde. Wer hebt schon zerbrochene Irdenware auf, wenn es gilt sich in Sicherheit zu bringen?
Werdertorgasse 6
Die archäologischen Befunde in der Werdertorgasse wurden deutlich von der für Wien bislang einmaligen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Uferbefestigung dominiert.


Dendrochronologische Untersuchungen deuten auf eine Errichtung in ihren Grundzügen bereits im 14. Jahrhundert hin, zumeist wurde Eichenholz verwendet. Keramik aus dem 14.−15., aber auch dem 15./16. Jahrhundert weist auf jeden Fall auf eine längere Nutzung und das kontinuierliche Entsorgen von Abfall an dieser Stelle hin.

Weg- und Straßenschotterungen dürften auf Grund der Funde doch eher schon der frühen Neuzeit zuzuordnen sein. Woran es hingegen vollständig mangelt, sind bauliche Überreste, welchen Zuschnitts auch immer, die mit Wohnen oder Handwerksausübung im Spätmittelalter assoziiert werden können. Was die Menge an doch spätmittelalterlichem Abfall anbelangt, der hier in der Aufschüttung der Uferbefestigung entsorgt wurde, so stammt er mit sehr großer Sicherheit nicht aus dem Vorstadtbereich, sondern eher aus der Stadt selbst. Reste von maßwerkverzierten Kacheln, Kruseler Puppen und alchemistisches Zubehör erinnern eher an den höchst städtischen Abfall, der nach dem Abriss der Synagoge am Judenplatz in der dort entstandenen Mulde entsorgt worden war.
Wipplingerstraße 33–35
Siedlungsspuren, die sich allen grabungstechnischen Widrigkeiten zum Trotz vor der Stadtmauer in der Wipplingerstraße feststellen ließen, dürfen zur Vorstadt „vor dem Werdertor“ gezählt werden. Neben Resten von Estrichfußböden konnten auch Spuren einer Ofenanlage für eine nicht gewerbliche Nutzung unbekannter Art festgestellt werden. Rinderknochen – vor allem Schädelteile und Hornzapfen – können als Gerbereiabfall gewertet werden. Lederreste aus dem Stadtgraben – ein in unseren Breiten seltenes Fundgut, organische Reste erhalten sich im Wiener Boden nun einmal schlecht – stammen von Schuhen und dürften auf die Arbeit eines Flickschusters hinweisen.
Allerdings gilt bei diesem Abfall, wie auch schon bei jenem in der Uferbefestigung in der Werdertorgasse: Nichts davon muss zwingend aus den Vorstädten kommen, der Abfall kann gut auch „innerstädtisch“ sein.

Fazit
Man kann also für den vorstädtischen Bereich zum Donaukanal hin Folgendes zusammenfassen. Einer gewissen Menge an nicht genauer verortbaren historischen Nennungen von Verbauung und Handwerkszweigen (vornehmlich Fischer, Lederer, Gerber und ähnliches Handwerk, das sich gerne am Wasser ansiedelte) steht ein eklatanter Mangel an archäologischen Befunden gegenüber. Alles, was wir an physischen Überresten der Vorstadt in diesem Gebiet haben, beschränkt sich auf ein paar Mauern und Fußböden, die Rekonstruktion von Gebäuden oder gar Gebäudephasen war bislang noch nicht möglich. Fundmaterial aus dem Spätmittelalter und der (sehr frühen) Neuzeit liegt zwar in rauen Mengen vor, es ist aber fast davon auszugehen, dass das meiste davon − mit Sicherheit aber die hochwertigeren Objekte − rein städtischen Abfall darstellte, der zum Wasser hin entsorgt wurde.
Sollte die Fülle an verlinkter „Urlaubslektüre“ zu den verschiedenen Teilaspekten Sie über die wasserseitigen Löcher im Gesamtbild nicht hinwegtrösten können, kann ich Ihnen versichern, dass es im dritten Teil der Serie, landeinwärts, besser wird … graduell zumindest.
Weiterführende Literatur und Links
Neutorgasse 4−8
Ingrid Mader, Die Residenzstadt Wien an der Donau. Die Geschichte der Stadtbefestigung am Beispiel der Neutorbastion. Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 7. November 2018.
Ingrid Mader / Ingeborg Gaisbauer / Sabine Jäger Wersonig / Markus Jeitler / Doris Schön, Die Residenzstadt Wien an der Donau. Die Geschichte der Stadtbefestigung am Beispiel der Neutorbastion. Festungsforschung 10 (Regensburg 2018).
Ingeborg Gaisbauer, Vor der Stadt, aber nicht vorstädtisch – Die hochmittelalterlichen Befunde und Funde der Ausgrabung Wien 1, Neutorgasse, Fundort Wien 17, 2014, Seite 106–133. (PDF 5,72 MB)
Werdertorgasse 6
Ingrid Mader / Ingeborg Gaisbauer mit einem Beitrag von Michael Grabner und Elisabeth Wächter
Überblick über die Ergebnisse der Grabung in Wien 1, Werdertorgasse 6 im Jahr 2019. Fundort Wien 24, 2021, Seite 4–44. (PDF 13 MB)
Michael Grabner, Severin Hohensinner, Felix Köstelbauer, Ingrid Mader,Johannes Tintner-Olifiers, Elisabeth Wächter, Nahe am Wasser gebaut … Überblick über und erste Erkenntnisse aus den Forschungsergebnissen zur Vorstadt vor dem Werdertor, Beiträge zur Mittelalterarchäologie in Österreich 39, 2023, 137−187.
Christine Ranseder, Kruselerfiguren aus der Werdertorgasse 6, Wien 1. Fundort Wien 24, 2021, Seite 46–50. (PDF 1,48 MB)
Christine Ranseder, Spätmittelalterliche Maßwerkkacheln aus der Werdertorgasse 6, Wien 1. Fundort Wien 26, 2023, Seite 146–159.
Christine Ranseder, Die Unverzichtbaren: Löffel, Messer und andere Gegenstände aus Holz, Metall und Bein aus der Werdertorgasse 6, Wien 1. Fundort Wien 27, 2024, Seite 122–153.
Christine Ranseder, Füße heben! Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 7. August 2019.
Christine Ranseder, Der Schuh des kleinen Reißteufels. Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 24. November 2021.
Christine Ranseder, Wärmende Handbekleidung für arbeitende und sportbegeisterte Menschen. Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 3. August 2022.
Christine Ranseder, Anatomie eines Taschenrahmens. Fund im Focus, 28. Juni 2023.
Christine Ranseder, Die Gürteltasche mit zwei Schlaufen: ein Dauerbrenner. Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 31. Jänner 2024.
Christine Ranseder, Umweltfreundliches Essgerät. Freigelegt. Der Blog der Stadtarchäologie Wien, 19. Februar 2025.
Wipplingerstraße 33–35
Sylvia Sakl-Oberthaler / Martin Mosser / Heike Krause / Gerhard Reichhalter, Von der mittelalterlichen Stadtmauer zur neuzeitlichen Festung Wiens. Historisch-archäologische Auswertung der Grabungen in Wien 1, Wipplingerstraße 33–35. Monografien der Stadtarchäologie Wien 9, Wien 2016. (E-Book, PDF 28,8 MB)
Sigrid Czeika, Eine aus dem Schienbeinknochen eines Equiden hergestellte frühneuzeitliche Knochenkufe der Grabung Wien 1, Wipplingerstraße 35, Fundort Wien 15, 2012, Seite 34–42. (PDF 11,9 MB)