We proudly present …

Autorin: Lotte Dollhofer

… Fundort Wien 28 / 2025, den druckfrischen Jahresbericht der Stadtarchäologie Wien!

Der prall gefüllte Band hält wieder viele Neuigkeiten und tiefer gehende Einblicke quer durch die Jahrhunderte bereit. Und er zeigt einmal mehr auf, dass die Archäologie einen wichtigen Beitrag zum Wissen um die kulturhistorische Entwicklung Wiens leistet.

Den aufmerksamen Interessierten wird wohl kaum der Sensationsfund in Wien-Simmering entgangen sein. Die Aufdeckung des römerzeitlichen Massengrabes in der Hasenleitengasse ging durch zahlreiche nationale wie internationale Medien – dieses überbordende Interesse war zwar überraschend, ist jedoch dem tatsächlichen Stellenwert dieses Bodendenkmals durchaus angemessen.

Die Interpretation als Massengrab definiert sich durch die hohe Zahl an Bestatteten, hochgerechnet etwa 150 Individuen, die regellose Einbringung in einem einzigen Vorgang und die in dieser Zeit unüblichen Bestattungsform. Die nur wenigen, wohl unbemerkt verloren gegangenen Militaria sowie die Spuren von Kampfhandlungen an den Knochen der ausschließlich männlichen Toten deuten unzweifelhaft auf ein kriegerisches Ereignis. Dieses muss gemäß der Datierung des Fundmaterials und der ausgewerteten Radiokarbondaten gegen Ende des 1. oder am Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. stattgefunden haben. Aber es sei hier noch nicht alles verraten.

Gefallener mit Lanzenspitze im Beckenbereich und Röntgenaufnahme der Scheide eines gut datierbaren Dolches. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / Novetus GmbH und TimTom, Wien)

Detaillierte interdisziplinäre Untersuchungen und Auswertungen sind noch notwendig, um die Hintergründe dieses Ereignisses besser verstehen zu können. Handelt es sich doch um eine in den historischen Quellen noch nicht konkret fassbare Begebenheit und um einen singulären Ausgrabungsbefund, zu dem es bislang keinerlei Entsprechungen gibt. Alles über den aktuellen Wissensstand und welche Fragestellungen sich daraus ergeben, erfahren Sie im vorliegenden Jahresbericht.

Eine ebenso bemerkenswerte Entdeckung stellt das Gräberfeld nördlich der Donau in Hirschstetten (Wien 22) dar. Es handelt sich um eine ausgedehnte spätawarische Nekropole (etwa 8. Jahrhundert n. Chr.), die geschätzt 350 Gräber umfasste. Von den bisher 223 archäologisch untersuchten Grablegen waren 90 % der Bestatteten in ihrer standesgemäßen Tracht niedergelegt worden. Die üblicherweise mitgegebenen Nahrungsmittel haben nur mehr in Form von Behältnissen aus Keramik und Holz sowie Tierknochen(verbänden) überdauert.

Ein Teil des Ausgrabungsgeländes während der Freilegungsarbeiten. (Foto: Stadtarchäologie Wien / Novetus GmbH)

Bei den awarischen Frauen umfasste die persönliche Ausstattung in der Regel ihren Körperschmuck wie Glasperlenketten – an die 3000 Perlen unterschiedlichster Form wurden geborgen –, Ohrringe, Fingerringe, Armreifen, Mantelschließen mit rosettenförmigen Glaseinlagen und andere Teile von Gewandverschlüssen. Auch Arbeitsgeräte wie Nadelbüchsen und kleine Messer wurden teilweise als Trachtbestandteil am Körper getragen. Zur männerspezifischen Ausstattung zählten bei den einfacheren Gräbern eiserne Schnallen und kleine Messer sowie die in einem Beutel am Gürtel getragenen Utensilien für das Feuermachen. Ein höherer sozialer Status muss jenen Männern zugesprochen werden, deren Gürtelgarnituren sich aus aufwändig gestalteten Bronzeteilen zusammensetzten.

Bronzene Ohrringe mit Glasperlen aus Frauengräbern und verschiedene Riemenzungen von Männergürteln. (Fotos: Martin Penz)

Das Thema Be- und Ausstattung von in diesem Fall im späten 16. bzw. im 17. Jahrhundert verstorbenen Frauen begegnet uns auch bei der Rekonstruktion eines speziellen Kopfschmucks. In drei Gräbern zweier Friedhöfe fand sich dieser Trachtbestandteil, der sich aus auf einem Stoffband aufgestickten Kompositperlen, Spiralröllchen sowie mehreren Arten von überwiegend weißen Glasperlen und Pailletten zusammensetzt. Die Kombination der einzelnen Elemente und die Art der Verarbeitung weisen auf einen Kopfschmuck ungarischer Tradition, der als Párta bezeichnet wird.

Erhalten gebliebene Bestandteile des Kopfschmucks aus einem der Frauengräber und rekonstruierte Anordnung. (Fotos und Grafik: Christine Ranseder)

Apropos Frauen: Mit ihnen werden – oft auch heute noch – automatisch die Aufgabenbereiche Einkauf, Küche, Kochen und ganz allgemein Haushaltsführung assoziiert. Im 18. Jahrhundert entsprach das sicherlich der Realität. Mit welcher keramischen Küchenausstattung und unter welchen Bedingungen dies vonstatten ging, wird anhand eines großen Konvoluts an entsorgtem Hausrat der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durchexerziert und kulturhistorisch eingeordnet.

Küchenarbeiten in einem großen Haushalt, 1702. (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, http://objektkatalog.gnm.de/objekt/HB26005, CC BY-NC-ND 4.0)

Wie vielfältig die Aufgaben der Stadtarchäologie sein können und welche historischen Themen sich durch die archäologischen Aufschlüsse eröffnen, spiegeln etwa die Aufsätze zum osmanischen Grabensystem, das im Zuge der Belagerung von 1683 angelegt wurde, zu den Erdgasbohrungen der 1930er Jahre in Oberlaa und zum 1943–1945 installierten Luftschutzraumnetz „Innere Stadt“.

Links: Verfüllter Graben aus dem Jahr 1683 mit in der Wand steckengebliebenem Schanzwerkzeug. Mitte: Bohrturm in Oberlaa, 1932. Rechts: Keller mit Notausstieg aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. (Fotos: Stadtarchäologie Wien und Bezirksmuseum Favoriten)

Nicht alle Beiträge des aktuellen Jahresberichts können hier vorgestellt werden, obwohl noch vieles spannend wäre. Lassen Sie sich einfach überraschen und gehen Sie selbst auf Entdeckungstour im neuen „Fundort Wien„!