Vorarbeiten für den Zugang zur U-Bahn-Station Pilgramgasse

AutorInnen: Martin Mosser, Heike Krause | Stand: 6.8. 2020

Im Vorfeld der Sanierung und Neugestaltung der künftigen U2/U4-Station Pilgramgasse wurde im März 2019 damit begonnen, eine breite Baustellenzufahrtsrampe anzulegen. Begleitend zu diesen Arbeiten konnten drei Erdprofile dokumentiert werden, die eine genauere Prognose zu den erwartbaren Befunden und Funden beim Ausheben des eigentlichen Zugangsschachtes ermöglichen.

Lage der geplanten Grabungsfläche im heutigen Stadtplan. Die Vorarbeiten fanden in der Rechten Wienzeile, im Bereich vor Hausnummer 103 statt. (Plangrundlage: ViennaGIS; Plan/Foto: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)

Der Wienfluss als prägender Faktor

Das von den Baumaßnahmen betroffene Gebiet war bis zur Regulierung des Wienflusses durch seine Uferlage ständig der Dynamik des Wasserlaufes ausgesetzt. Aufgrund dieser unsicheren Gegebenheiten stand wohl lange Zeit die landwirtschaftliche Nutzung dieses Bereiches im Vordergrund. Wege entlang von Flussufern können dennoch sehr alt sein und auch mit historisch relevantem Schwemmgut ist zu rechnen. So konnte etwa 1973 in der Schönbrunner Straße eine bronzene Tüllenlanzenspitze der Urnenfelderkultur (Spätbronzezeit) geborgen werden.
Der Plan von Joseph Anton Nagel aus den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts zeigt eine erste etwas dichtere Verbauung mit Höfen entlang eines Weges am Rand eines Seitenarms des Wienflusses.
Die heutige Bebauungsstruktur mit ihrem Straßenraster geht auf die Umstrukturierungen der 1860/70er Jahre zurück. Erst damals wurde etwa die Sonnenhofgasse geschaffen. In diesem Zusammenhang dürfte es zu Planierungen und Aufschüttungen gekommen sein.

Lage des geplanten Stationszugangs im Plan von Joseph Anton Nagel, 1773. Die Vorarbeiten sind an der oberen Schmalseite des Auswahlrechtecks zu lokalisieren, Südwesten ist oben. (© ÖNB)

Wienflussregulierung und die Errichtung der Stadtbahn

In mehreren Etappen wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts die Regulierung des Wienflusses in Angriff genommen. Die partielle Überwölbung erfolgte erst mit der Errichtung der Stadtbahn, die durch eine Mauer vom Wienfluss getrennt wurde.

Querschnitt des eingewölbten Wienflusses mit angrenzender Stadtbahn. (In: Die Wasserversorgung sowie die Anlagen der städtischen Elektricitätswerke, die Wienflussregulierung, die Hauptsammelkanäle, die Stadtbahn und die Regulierung des Donaucanales in Wien, bearbeitet vom Stadtbauamte, Wien 1901, S. 188 Fig. 5)
Ansichtskarte von der Stadtbahn-Station Pilgramgasse mit dem regulierten Wienfluss, vor 1905. (© Wien Museum)

Die heutige U4-Station Pilgramgasse geht im Kern noch auf die im November 1897 fertiggestellte und am 30. Juni 1899 eröffnete Stadtbahn-Station der Unteren Wientallinie zurück, die Teil eines aufwändigen Verkehrs- und Regulierungskonzepts der angehenden Großstadt war und zu den Hauptwerken Otto Wagners zählt.1

Ergebnisse der baubegleitenden Dokumentation

Für den Baustellenzugang mittels Rampe wurde zuerst die gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtete, 1,65 m starke Stützmauer zur Rechten Wienzeile hin abgetragen. Diese bestand aus Quadermauerwerk mit Bruchsteinkern. Dahinter zeigte sich im südöstlichen Teil der Station, auf ca. 2 m Breite, ein 2,35 m hohes Erdprofil mit insgesamt zehn unterscheidbaren Schichten. Es handelte sich dabei abwechselnd um unterschiedlich mächtige, sandig-lehmige Verfüllungen und schottrige Lagen. Vor allem die Schotterungen konnten eine Höhe bis über 0,70 m erreichen. In ihnen fand sich ein Viertel-Kreuzer (1804–1867), der beim Bau der Stadtbahn-Station in die entsprechenden Verfüllungen kam. In einer der untersten aufgedeckten, mit Ziegelbruch und Ziegelsplitt durchsetzten schottrigen Verfüllung, die bereits 4 m unterhalb des Straßenniveaus der Rechten Wienzeile lag, waren Topf-, Krug- und Deckelfragmente aus dem 18. und 19. Jahrhundert zu finden. Noch tiefer folgte dann eine fast fundleere Schotterung, die allerdings ein innen glasiertes Topffragment aus dem 16./17. Jahrhundert enthielt. Es kann vermutet werden, dass der Schotter und die unterste grünlich graue, tegelige Schicht älter als die am Ende des 19. Jahrhunderts erfolgten Hinterfüllungen der Stadtbahnstation sind und schon vor der damaligen Wienflussregulierung als Ablagerungen des Wienflusses bestanden haben.

Südost-Profil unmittelbar östlich der abgebrochenen Stützmauer der Stadtbahn-Station. (Plan: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)

An der östlich an dieses Profil anschließenden, etwa 6,50 m breiten Zufahrtsrampe waren an der Nord- und Südseite zwei weitere Profile festzustellen, die kein Verfüllmaterial mehr, sondern eine Abfolge unterschiedlich zusammengesetzter Schwemm- und Schotterschichten zeigten. Darin war zwar noch neuzeitlicher Ziegelbruch festzustellen, weiteres Fundmaterial zur näheren Datierung konnte allerdings nicht geborgen werden.

Profil mit Schwemmschichten im Bereich der Zufahrtsrampe, Blickrichtung Süden. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Alle drei Profile befanden sich im Bereich des geplanten U-Bahn-Schachtes für die neue U2-Station Pilgramgasse. Für die in diesem Zusammenhang geplanten archäologischen Arbeiten sind im westlichen Teil der neuen Station – neben Verfüllmaterial vom Ende des 19. Jahrhunderts – bis in eine Tiefe von ca. 4,50 m ab der frühen Neuzeit angeschwemmte Ablagerungen des Wienflusses zu erwarten. Weiter östlich Richtung Rechte Wienzeile, außerhalb der Alluvialgrenze des Wienflusses, können aber bereits in weit geringerer Tiefe Siedlungsbefunde zutage treten!

Anmerkung:

  1. Andreas Nierhaus, 71 – Wiener Stadtbahn, 1894–1900. In: Andreas Nierhaus/Eva-Maria Orosz (Hrsg.), Otto Wagner. 418. Sonderausstellung des Wien Museums, 15. März bis 7. Oktober 2018, Wien 2018, S. 292 f.