Datum: 13.12.2016 | Autor: Christine Ranseder
Fundort: Wien 10, Landgutgasse 38 | Zeitstellung: Zweite Hälfte 19. Jahrhundert

 Die „Kautschuk-Kämme“ zählten wie die Kämme aus Horn oder Holz zur unspektakulären Massenware. Sie fehlen daher zumeist in den Sammlungen der Museen. Die Archäologie kann diese Lücken mit Funden von aufgelassenen Friedhofsarealen des 19. Jahrhunderts schließen.

Aus zwei Schachtgräbern des ehemaligen katholischen Matzleinsdorfer Friedhofs konnten ein Frisierkamm und zwei Steckkämme geborgen werden. Da Kämme aus Hartgummi in Wien erst um 1854 erhältlich waren und der Friedhof bereits 1874 geschlossen wurde, fallen Herstellung und Verwendung der drei Exemplare in diesen Zeitraum.

Ein neues Material für die wachsende Konsumgesellschaft

Im 19. Jahrhundert wurden zahlreiche neue Werkstoffe erfunden. Einige dienten als Ersatz für seltene oder teure Materialien. Dadurch konnten größere Mengen eines Produktes hergestellt und dieses billiger verkauft werden. Andere halfen, die Eigenschaften eines Artikels zu verbessern.
Vor der Entwicklung der Kunststoffe wurden Kämme aus Knochen, Horn, Schildpatt, Elfenbein, Holz, sowie verschiedenen Metallen angefertigt. Mit der Erfindung der Vulkanisation von Kautschuk war der Weg für ein weiteres Material, den Hartgummi, bereitet. Der Amerikaner Charles Goodyear (1800–1860) erhielt bereits 1839 ein Patent auf die Mischung von Schwefel und Kautschuk. Ein weiteres folgte 1844 für Verbesserungen, dank derer die Herstellung eines elastischen Werkstoffs, der hohen Belastungen standhielt, möglich wurde. Seinem Bruder Nelson Goodyear (1806–1852) gelang es Hartgummi (Ebonit) herzustellen und für dieses nützliche Material 1851 ein Patent zu erhalten.  Noch im selben Jahr begann die in New York ansässige India Rubber Comb Company mit der Produktion von Kämmen und anderen Gegenständen  aus Hartgummi.

Auch europäische Unternehmer sahen das wirtschaftliche Potential des neuen Werkstoffs. Der französische Kammfabrikant J. Fauvelle beschäftigte 1854 in seiner Fabrik in Beaumont (Departement Oise, Frankreich) bereits an die 150 Arbeiter, die vulkanisierte Kautschukplatten auf dieselbe Art wie Horn zu Kämmen verarbeiteten. In Deutschland erwarb die Firma H. C. Meyer jr. das Patent, entwickelte das Herstellungsverfahren weiter und gründete 1856 die „Harburger Gummi-Kamm-Compagnie“. Zahlreiche weitere deutsche Gummiwarenfabriken folgten.  In Österreich war die Firma von Johann Nepomuk Reithoffer (1781–1872) bei der Verarbeitung von Kautschuk und  Guttapercha marktführend. Seine „Niederösterreichische k. k. landesbefugte Gummielasticum- und Guttaperchawarenfabrik“ in Wimpassing fertigte unter anderem auch Kämme, deren wöchentliche Produktion sich im Jahr 1872 auf beachtliche 120.000 Stück belief.

Die innovativen Produkte wurden stark beworben. An den in Zeitungen geschalteten Inseraten lässt sich gut ablesen, wie sich das in Wien verfügbare Angebot an Kämmen aus Hartgummi beständig erweiterte. Die Preise waren moderat und blieben relativ stabil. In den 50er bis 70er Jahren des 19. Jahrhunderts lagen die Anschaffungskosten für derartige Frisierkämme zwischen 15 und 30 Kreuzern, für Steckkämme zwischen 30 und 50 Kreuzern. Im Gegensatz musste man für Kämme aus Schildpatt wesentlich tiefer in die Tasche greifen: Sie waren nicht unter einem Gulden zu haben. Zum Vergleich: Feines Wiener Weizenmehl kostete 1854 pro Pfund (= 560 g) 12 Kreuzer (kr.). 1861 zahlte man für einen Platz im Omnibus für die Strecke vom Stephansplatz zum Westbahnhof 15 Kreuzer. Beim Besuch eines Kaffeehauses musste man 1873 mit folgenden Preisen rechnen: Großer Kaffee 16–18 kr., kleiner Kaffee 12–15 kr., Brot/Kipferl pro Stück 2 kr. , Trinkgeld 2–3 kr.

Schonende Haarpflege

„ … an Farbe gleichen sie den Büffelkämmen, sind sehr weich, wenig zerbrechlich und die Zähne spalten sich nie.“

So pries die französische Firma Fauvelle-Delebarre die Vorzüge ihrer „Kautschuk-Kämme“ in einem Inserat in der Zeitung „Die Presse“. Die Eigenschaften des neuen Materials  garantierten also geradezu schmerzfreies frisieren! Mit diesem Versprechen waren Frisierkämme aus Gummi, wie jener aus dem Matzleinsdorfer Friedhof, eine echte Konkurrenz für aus Horn oder Holz gefertigte Exemplare.

Inserat für „Kautschuk-Kämme“ der Firma Fauvelle-Delebarre. Die Presse, 18. Oktober 1855, Seite 6 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)
Inserat für „Kautschuk-Kämme“ der Firma Fauvelle-Delebarre. Die Presse, 18. Oktober 1855, Seite 6 (ANNO/Österreichische Nationalbibliothek)

In den ersten Verkaufsjahren war die Einstellung gegenüber den „Kautschuk-Kämmen“ jedoch noch durchaus ambivalent. So wurde in einem Bericht über die Weltausstellung 1855 in Paris vermerkt:

Obwohl die Erzeugung von Kämmen aus Kautschuk wegen der Wohlfeilheit und Dauer der letzteren rasch einen bedeutenden Aufschwung genommen hat, so sind die Meinungen über die Zweckmäßigkeit dieses Stoffes noch nicht einig, besonders da von ärztlicher Seite manche Bedenken gegen die Verwendung der daraus gefertigten Kämme angeregt werden.“

Vermutlich erregte die beim Kämmen entstehende Reibungselektrizität anfänglich Misstrauen. Zum Selbstversuch über die Gummikämme und deren elektrische Folgen schritt ein anonymer Zeitungsleser im Februar  1855 und kam dabei zu folgendem Ergebnis.:

„[…] Die durch das Kämmen hervorgerufene Elektrizität reizt die Kopfnerven in einem hohen Grade, und man wird dies bei obigem Versuche bald empfinden. Geschehen die Kammstriche von hinten nach vorn über den Vorderkopf hinab, so machen sie den Kopf schwer und wirken betäubend, nach hinten und den Seiten hinab frei und leicht bis zur Aufregung, und wenn man dies Letztere vor dem Schlafengehen thut, wird man schwer zum Einschlafen gelangen. Es ist einleuchtend, daß, richtig angewendet, diese Kämme das kräftigste Mittel sind, nervöse Kopfschmerzen zu vertreiben, sie aber auch ebenso in ungeheuerm Maße vermehren können. Mit geringer Aufmerksamkeit und Selbstbeobachtung wird ein Jeder sich Gewißheit darüber verschaffen können, welche Striche ihm die wohlthuendsten sind.“

Vorbehalte gegenüber dem neuen Material waren jedoch bald überwunden. Die zu Beginn der 1870er Jahre erreichten Produktionszahlen der Hartgummikämme – allein die Firma H. C. Meyer jr. stellte ca. 900.000 Dutzend jährlich her  – belegen ihre große Popularität.

Frisierkamm aus Hartgummi mit groben und feinen Zinken. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 3. Er ist im Bereich der feinen Zinken abgebrochen.
Frisierkamm aus Hartgummi mit groben und feinen Zinken. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 3. Er ist im Bereich der feinen Zinken abgebrochen.

Der schwarze Frisierkamm mit geradem Rücken und einer Reihe aus groben und feinen Zinken aus dem ehemaligen Matzleinsdorfer Friedhof wurde vermutlich im Zuge der Totentoilette zum Frisieren der Leiche verwendet. Von der Eigenschaft der Kämme aus Hartgummi durchs Haar zu gleiten ohne hängen zu bleiben, profitierten offensichtlich auch die Bestatter. Die Sitte Gegenstände, die beim Herrichten von Verstorbenen verwendet wurden, in den Sarg zu legen – und fallweise auch absichtlich zu zerbrechen – wurzelt im Volksglauben. Sie wurden als gefährlich für die Lebenden angesehen.

Hoch mit den Haaren

Die zwei Steckkämme (Chignonkämme) vom Matzleinsdorfer Friedhof gaben den Frisuren weiblicher Verstorbener Halt. Beide Kämme dürften ursprünglich schwarz gewesen sein, das stellenweise zu einem stumpfen Braun entfärbt ist. Hartgummi konnte nicht nur zu Platten gewalzt und wie Horn weiterverarbeitet werden, sondern ließ sich auch in Modeln pressen. Die unscharfe Profilierung der Verzierung und die glatte Rückseite des Steckkamms mit Durchbruchsarbeit und Punktdekor belegen, dass er gepresst wurde.

Steckkamm aus Hartgummi mit Durchbruchsarbeit. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 9.
Steckkamm aus Hartgummi mit Durchbruchsarbeit. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 9.
Steckkamm aus Hartgummi. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 9.
Steckkamm aus Hartgummi. Ehemaliger Matzleinsdorfer Friedhof, Grab 9.

Schlichter wirkt das andere Exemplar mit schwacher, von einer Ritzlinie umfasster Kannelur auf dem hohen, gewölbten Rücken mit Wellenrand. Beide Designs knüpfen an die Steckkämme des Biedermeiers (um 1815–1848) an. Wie lässig die kleineren Exemplare des späten Biedermeiers ins Haar gesteckt wurden, zeigt das Porträt der Louise de Broglie, Comtesse d´Haussonville, von Jean-Auguste-Dominique Ingres. Auf dem 1845 vollendeten Gemälde ist im Spiegel hinter der Dargestellten ihr kunstvoller Haarknoten zu sehen, den ein einfacher Steckkamm mit geradem Rücken schmückt.

Der durch die wechselnde Frisurenmode bedingte Bedarf an Steckkämmen war im 19. Jahrhundert beträchtlich. Frauen aller Gesellschaftsschichten trugen das Haar hochgesteckt. Das durch einen Mittelscheitel geteilte lange Haar wurde – mehr oder weniger straff – am Hinterkopf zusammengefasst und zu einem Knoten geformt. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre erhielt die das Gesicht rahmende Vorderpartie der Frisur durch Wellen und Toupieren mehr Fülle. Der mit Kämmen oder Nadeln festgesteckte Chignon rutschte mit der Zeit immer tiefer in den Nacken, wurde mit Haarnetzen umhüllt oder mit Zierrat aller Art geschmückt.  Ab der Mitte der sechziger Jahre erhielten die modischen Frisuren Volumen, wobei sich der Schwerpunkt der mit Bändern, Borten, Federn und Kunstblumen garnierten Lockenpracht wieder höher auf den Hinterkopf verlagerte. Viele Frauen waren gezwungen auf aufgesteckte Haarteile zurückzugreifen.  Auf dem Gebiet der österreich-ungarischen Monarchie gab Kaiserin Elisabeth mit ihrem langen, üppigen Haar modisch den Ton an. Großer Beliebtheit erfreute sich bei ihren Nachahmerinnen der Kronenzopf. Erst gegen Ende der siebziger Jahre wurden die Haare wieder einfacher getragen.

Fazit

Angesichts der Vorzüge der Kämme aus Hartgummi, ihres günstigen Preises und der enormen Produktionsmengen kann davon ausgegangen werden, dass sie innerhalb weniger Jahre für die Angehörigen der ärmeren Gesellschaftsschichten zu einem selbstverständlichen Alltagsgegenstand wurden.

Literatur
Ch. Ranseder, Beigaben und Sargreste aus Gräbern des ehemaligen katholischen Matzleinsdorfer Friedhofs in Wien. In: Fundort Wien 18, 2015, 186–216.

Weiterführende Informationen
Zu Bestattungen und Beigaben aus dem ehemaligen dem Matzleinsdorfer Friedhof.