Adresse: Hernalser Hauptstraße 60–62/Jörgerstraße 47, Wien 17
Anlass: Um- und Neubau | Grabungsjahr: 2012, 2013 
Zeitstellung: Spätmittelalter, Neuzeit

Historischer Kontext

Das Zentrum des mittelalterlichen Dorfes Hernals (seit 1892 bei Wien) befand sich um die damalige Pfarrkirche und das einstige Schloss, also etwa zwischen dem heutigen Elterleinplatz und der Kalvarienbergkirche. Ausgehend von diesem Kern entwickelte sich der Ort vermutlich entlang eines Weges, der am Hang südlich des Alsbaches verlief. Während der Ersten Belagerung durch die Osmanen im Jahr 1529 und auch im Zuge der Zweiten Belagerung 1683, wurde die Ansiedlung stark in Mitleidenschaft gezogen.

Auf der heutigen Parzelle Hernalser Hauptstraße 62 ist erstmals in einem Gewährbuch von 1582 ein Haus archivalisch fassbar. Seitdem stand es fast 100 Jahre durchgehend im Besitz verschiedener Fleischhauerfamilien. Für die Zeit nach 1674 sind verschiedene Handwerker als Eigentümer belegt; im 19. Jahrhundert wurde das Haus von Gewerbetreibenden genutzt. Der Neubau im Stil des Biedermeier erfolgte vielleicht bereits durch den Hutmachermeister Johann Georg Lind (Besitzer ab 1799) oder – wahrscheinlicher – erst durch den Ziegeldeckermeister Michael Müller (ab 1819). 1881 kaufte der Holz- und Kohlenhändler Johann Rousseau das Haus und gründete hier einen Fuhrwerksbetrieb. Das Haus blieb bis in die 1960er Jahre im Besitz der Familie.

Das Haus Hernalser Hauptstraße 62 während der Um- und Neubauarbeiten. Das Nachbargebäude Nr. 60 ist bereits demoliert. Blick nach Norden. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen

Die begleitenden Baubeobachtungen auf den Parzellen erbrachten Befunde und Funde, die eine Notgrabung notwendig machten. Diese umfasste einen 30 m² großen Kellerraum im Süden des Grundstücks Hernalser Hauptstraße 62.

Überblicksplan mit den Befunden der archäologischen Untersuchungen, überlagert mit dem Hausgrundriss von 1881. (Plan: Stadtarchäologie Wien/MA 37 – Baupolizei)
Der älteste Nutzungshorizont und die spätmittelalterliche Bauphase

Vom ältesten fassbaren Siedlungshorizont waren lediglich zwei Gruben vorhanden, die nur wenige Keramikfragmente aus der Zeit zwischen dem Übergang vom 13. zum 14. und aus dem 15. Jahrhundert enthielten.

In der folgenden Nutzungsphase wurde ein Haus errichtet, das offensichtlich gegen den Hang im Süden gebaut war. Auf dem zugehörigen Fußbodenniveau wurde eine Ost-West gerichtete Reihe von Steinplatten verlegt, deren Funktion sich aufgrund der beschränkten Grabungsfläche jedoch nicht näher bestimmen ließ. Der verbleibende Teil des Bodens war mit Holzbrettern bedeckt. Im Süden dieses Gehniveaus befand sich der Zugang zu einem kleinen Erdkeller, der in den anstehenden Hang hineingebaut war und wohl zur Vorratshaltung genutzt wurde.

Ost-West orientierte Steinsetzung mit Lehmboden und verkohlten Resten von Holzbrettern, Blick nach Norden. (Foto: Stadtarchäologie Wien)

Diese Baustrukturen wurden durch einen Brand zerstört. Die massive, 18 bis 25 cm starke Brandschicht bestand aus lockerem, rot verbranntem Lehm mit einem hohen Anteil an Holzkohle, Steinen sowie Ziegeln und Bruchstücken von Lehmbewurf. Das daraus geborgene Fundmaterial legt einen Zusammenhang mit den Zerstörungen im Zuge der Ersten Belagerung durch die Osmanen 1529 nahe.

Spätmittelalterliche Brandschicht, aufgenommen bei der Baubeobachtung im abgetieften Hofbereich des Hauses, Blick nach Süden. (Foto: Stadtarchäologie Wien)
Fundmaterial aus dem Brandschutt

Im einplanierten Brandschutt befand sich viel großteilig zerbrochene Keramik, die einer sekundären Brandeinwirkung ausgesetzt war. Es handelt sich vor allem um Töpfe und Deckel, die im Kontext der Vorratshaltung eines einfachen Haushalts zu sehen sind. Dieser Fundkomplex wird zeitlich der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert zugeordnet.
Unter den Metallfunden sticht ein bronzenes Besatzstück mit der Darstellung eines Löwenkopfes hervor. Es zierte ursprünglich einen Gürtel und lässt sich ins späte 15. Jahrhundert bis ins erste Drittel des 16. Jahrhunderts datieren. Ungewöhnlich gut erhalten ist außerdem ein spätmittelalterliches/frühneuzeitliches Schloss aus Eisen mit rund aufgewölbtem Schlossblech. Es diente aufgrund seiner Größe wohl zum Verschließen eines Kästchens.

Verlagerte Silbermünze (ab 1481) und ausgewähltes Fundmaterial aus der Brandschicht: Gürtelapplike in Form eines Löwenkopfes, sekundär verbrannter Topf und Deckel, stabförmiges Metallwerkzeug (?) und eisernes Kästchenschloss. (Fotos, Reko: Stadtarchäologie Wien/Ch. Ranseder)
Die frühneuzeitliche Bebauung

Nach dem Brand wurde westlich der älteren Steinsetzung in den einplanierten Brandschutt eine Steinmauer gestellt. Die nur einschalige Konstruktionsweise dieser Zungenmauer und ihre Lage im Inneren der Hausparzelle sprechen dafür, dass sie lediglich einen Kellerteil abtrennte. Zumindest östlich und südlich der Mauer schloss ein gestampfter Lehmboden an, der wiederum teilweise einen Holzbretterbelag aufwies.
Aus der Beschaffenheit der Mauer selbst lassen sich keine genauen Schlüsse zum Errichtungszeitraum ziehen. Es muss daher offen bleiben, ob die einzige nachgewiesene Mauer dieser Phase zum biedermeierzeitlichen Haus gehörte oder zu einem älteren Vorgängerbau. Ein Überrest dieses Vorgängerbaus hat sich jedenfalls mit der Südmauer des Kellerraumes, in dem die Grabung stattfand, erhalten.

Trennmauer im Kellerraum, Blick nach Norden: Die Holzausstattung verkohlte im Zuge eines späteren Brandereignisses. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Diese Strukturen wurden schließlich ebenfalls durch einen Brand zerstört – vermutlich in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. In der Brandschicht kamen auffallend viele Fragmente von graphitierten Schüsselkacheln zutage. Diese Art der Oberflächenbehandlung scheint mit den Kombinationsöfen in Zusammenhang zu stehen: Man passte die Kacheln in ihrem Aussehen dem gusseisernen Unterteil des Ofens an.

Darüber befand sich bereits der Kellerboden des biedermeierzeitlichen Hauses.

Die Grabung bot einen kleinen, aber faszinierenden Einblick in die wechselvolle Geschichte eines Vorort-Hauses vom späten Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert.

Datum: 20.09.2021| Autorinnen: K. Adler-Wölfl, H. Krause, S. Sakl-Oberthaler, I. Gaisbauer, Ch. Ranseder

Literatur

  • Kristina Adler-Wölfl/Sylvia Sakl-Oberthaler mit Beiträgen von Heike Krause, Ingeborg Gaisbauer, Christine Ranseder, Kinga Tarcsay, Sigrid Czeika und Martin Mosser, Zur Geschichte des Hauses Wien 17, Hernalser Hauptstraße 62 – Bauliche Überreste des Spätmittelalters und der Neuzeit. In: Fundort Wien. Berichte zur Archäologie 17, 2014, S. 22–78. (PDF 15,1 MB)
  • Heike Krause/Martin Mosser/Christine Ranseder/Ingeborg Gaisbauer/Sylvia Sakl-Oberthaler, Hernals. Die archäologischen Ausgrabungen. Wien Archäologisch 12, Wien 2016, S. 58–77.