Wohnen und Arbeiten in der Vorstadt St. Ulrich

Autorinnen: Valerie Strunz, Kristina Adler-Wölfl | Stand: 4.3. 2026

 Oh, du lieber Augustin,
’s Geld is hin, ’s Mensch is hin,
oh, du lieber Augustin,
alles is hin!

Und selbst das reiche Wien,
hin is wie Augustin;
Weint mit mir im gleichen Sinn,
alles is hin!

Zum Glück hat das Lied vom lieben Augustin nicht recht behalten und so haben sich im Wiener Boden wahre Schätze erhalten. Obwohl viele dem lieben Augustin – in Anbetracht von Mauerresten, Keramikscherben und Metallabfällen – auf den ersten Blick recht geben würden, so sehen wir bei der Stadtarchäologie Wien das selbstverständlich ganz anders: Denn bekanntermaßen glänzt nicht alles was Gold ist, und so können wir den zutage getretenen Überresten durchaus einen hohen Wert für die Stadtgeschichte beimessen. So auch am nach dem Protagonisten der einleitenden Zeilen benannten Platz samt Brunnen und den angrenzenden Gassen.
Im September und Oktober 2020 und vom Jänner bis zum März 2022 wurden die Hausertüchtigungsmaßnahmen für den Bau des neuen Abschnitts der Linie U2 in der Kellermanngasse 3 und 4 archäologisch begleitet. Zudem waren wir zwischen August 2021 und Mai 2023 bei den Einbautenumlegungen und Aushubarbeiten für den Notausstiegsschacht am Augustinplatz dabei. Bei diesen Maßnahmen wurden viele interessante Entdeckungen aus mehreren Jahrhunderten gemacht.

Überblick zu den archäologischen Befunden am Augustinplatz und Lage der untersuchten Häuser in der Kellermanngasse 3 und 4. (Plan: Stadtarchäologie Wien)

Eine Zeitreise durch die Vorstadt

Nahe dem Augustinplatz befindet sich auch heute noch die Kirche St. Ulrich, sie war bereits im 13. Jahrhundert das Zentrum des mittelalterlichen Dorfes Zeismannsbrunn. Das Dorf wuchs rasch und so verwundert es kaum, dass auf dem heutigen Augustinplatz mittelalterliche Siedlungsspuren zu Tage traten. Das Besondere daran sind die in Wien relativ selten erhalten bleibenden Holzbefunde: Teile einer 3,5 x mindestens 3 m großen rechteckigen Holzkonstruktion samt Stampflehmboden. Diese sowie weitere Gruben ähnlicher Gestalt können als Reste spätmittelalterlicher Keller interpretiert werden. Durch die Kombination aus Dendrochronologie und 14C-Analysen ließ sich das Alter der Hölzer bestimmen: Mitte des 14. Jahrhunderts!

Rechteckige Holzkonstruktion eines spätmittelalterlichen Kellers am Augustinplatz, Blick Richtung Osten. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / archnet GmbH)

Außerdem konnten wir neue Erkenntnisse zur Wasserversorgung gewinnen. Die Archäolog:innen staunten, als sie hier eine Wasserleitung entdeckten. Die Holzröhren hatten einen Gesamtdurchmesser von etwa 30 cm und einen 6–8 cm großen Durchlauf. Es handelte sich um Kiefernholz und lässt sich dendrochronologisch bereits in die Jahre 1464 bzw. 1475 datieren. Damit ist die Leitung deutlich älter als die Schottenfelder Hofwasserleitung, die um 1650 entstand und ebenfalls durch den heutigen 7. Bezirk verlief.
Wasser spielte aber auch in anderer Hinsicht eine wichtige Rolle für die Vorstadt. Durch ihre Lage am Ottakringer Bach war die Siedlung einerseits begünstigt, andererseits jedoch immer wieder von Hochwasser bedroht, was dazu führte, dass der Bach bereits ab dem Ende des 17. Jahrhunderts kanalisiert wurde und unterirdisch verlief. Der Kanal wurde schließlich nach der Choleraepidemie 1831/32 gänzlich aufgelassen.

Links: Holzröhre der Wasserleitung aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Rechts: Reste des mittels Einwölbung aus Ziegelmauerwerk kanalisierten Ottakringer Baches. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / archnet GmbH)

Eines der markantesten Gebäude der Gegend war sicherlich der St.-Ulrichshof bzw. Oberhof mit seinen Wirtschaftsgebäuden und Gärten. Der Hofkomplex, dessen Ursprünge bis ins Mittelalter zurückreichen, wurde 1629 vom Schottenkloster erworben. Der nunmehrige Schottenhof wurde schließlich ab 1788 nach und nach versteigert, die Gründe neu parzelliert und bebaut.
Einige Reste des Schottenhofes sind bei den Hausertüchtigungen in der Kellermanngasse 3 zutage gekommen. Dort fanden sich auch Fragmente von glasierten Bodenfliesen aus dem 13./14. Jahrhundert – ein Hinweis auf hochwertige Raumausstattung, bislang eine Seltenheit in Wien.
Im gegenüberliegenden Haus Kellermanngasse 4 sind ebenfalls nach wie vor Bauteile vorhanden, die wohl ursprünglich zum Schottenhof gehörten. Aufgrund der Mauertechnik stammen sie vermutlich aus der Wiederaufbauphase nach den Zerstörungen im Zuge der Zweiten Osmanenbelagerung 1683.
Am spektakulärsten ist hier eindeutig ein kleiner Kellerraum, der heute noch von oben über eine kleine Öffnung in der Kellerdecke betreten werden kann. Bei der Betrachtung des Mauerwerks wurde schnell klar, dass der Keller deutlich älter ist als das übrige Haus. Die Mauern bestehen aus Mischmauerwerk mit großformatigen Bruchsteinen unterbrochen von kurzen Ziegellagen. Besonders eindrucksvoll ist auch die Steinpflasterung des Kellerbodens. Beim Bau des nach 1788 an dieser Stelle errichteten Hauses wurde der Kellerraum neu eingewölbt und ebenso wie weitere einzelne Kellermauern in den Neubau integriert.

Kellerraum im Haus Kellermanngasse 4 vom Ende des 17. Jahrhunderts: Bruchsteinpflasterung und Wände aus Mischmauerwerk mit späterem Tonnengewölbe aus Ziegeln, Blick Richtung Süden. (Fotos: Stadtarchäologie Wien / Novetus GmbH)

Im 17. und 18. Jahrhundert war die Vorstadt St. Ulrich schon dicht verbaut, aus dieser Zeit ließen sich auf dem Augustinplatz Fundamente, Keller und Gewölbe von fünf Gebäuden dokumentieren. Sie erstreckten sich entlang des kanalisierten und unter die Erde verbannten Ottakringer Baches bzw. der darüber angelegten Straße. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verschob sich die Baulinie zugunsten eines verbesserten Verkehrsflusses und die heutige dreieckige Form des Augustinplatzes entstand. Umgangssprachlich Strohplatzl und wohl in Zusammenhang mit dem 1908 errichteten Augustinbrunnen auch Augustinplatzl genannt, trägt diese Verkehrsfläche offiziell erst seit 2008 – nach dem „lieben Augustin“ und der Sängerin Liane Augustin – ihren heutigen Namen.

Blick vom „Strohplatzl“ in die Neustiftgasse Richtung Ulrichskirche. Aquarell von Carl Wiesböck, 1858. (© Wien Museum)

Handwerksbetriebe in der Vorstadt St. Ulrich

Wie das umfassende Fundmaterial aus der Verfüllung des Bachkanals verdeutlicht, war das Gebiet nicht nur dicht bewohnt – allein die Keramik umfasste 30 Kisten –, ab dem 18. Jahrhundert waren hier auch viele Handwerker ansässig. Adressbücher der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen, dass sich in St. Ulrich vor allem Zulieferer für die im Schottenfeld und in Neubau befindliche Textilindustrie niedergelassen haben. So siedelte sich in der heutigen Kellermanngasse 3 in den 1820er Jahren etwa der bürgerliche Schönfärber Hermann Blumauer an.
Besonders auffallend ist die erstaunlich große Anzahl an metallverarbeitenden Betrieben, sie stellen neben den Posamentierern die größte Berufsgruppe dar. Es gab in St. Ulrich etwa fünf Drahtzieher, die unter anderem Nadeln, Nieten und Ösen herstellten. Einer dieser Drahtzieher hatte seinen Betrieb im Vorgängerhaus der heutigen Adresse Neustiftgasse 37–41. Die zahlreichen in der Kanalverfüllung aufgefundenen Gussreste und Rohmaterialbrocken sind wohl als Abfall dieser metallverarbeitenden Werkstätten zu werten.
Um 1845 gab es außerdem sieben Knopffabriken und viele Drechsler im heutigen Neubau, die mit verschiedenen Materialien, darunter Perlmutt, gearbeitet haben. Die Perlmutt- und Beinfunde aus der Kanalverfüllung zeugen von der Knopfproduktion in den umliegenden Betrieben und damit von einem wichtigen Kapitel Wiener Wirtschaftsgeschichte.

Werkstattabfall aus der Verfüllung des Bachkanals: Gussreste/Rohmaterial aus einem metallverarbeitenden Betrieb sowie Bein- und Perlmuttabfälle aus der Knopfproduktion. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Unsere Reise durch die Zeit zeigt einmal mehr: Wir können nicht nur aus imposanten Befunden prachtvoller Gemäuer wertvolle Erkenntnisse für die Geschichte der Stadt gewinnen, sondern eben auch aus ganz alltäglichen Dingen, die auf den ersten Blick wie Abfall erscheinen und – zugegeben – auch waren …


Voruntersuchungen

Autorinnen: Kristina Adler-Wölfl, Heike Krause | Stand: 5.8. 2020

Auf dem Augustinplatz ist die Errichtung eines Notausstieges zwischen den neuen U2-Stationen Rathaus und Neubaugasse vorgesehen. Im Vorfeld sollte geklärt werden, ob von einem 1943 geplanten, unterirdischen Löschwasserbehälter noch Reste im Boden vorhanden sind. Dafür wurden im April 2019 auf dem Platzteil östlich der Kellermanngasse drei 1 x 1 m große Suchschächte angelegt. Es zeigte sich, dass der Behälter anscheinend gar nicht gebaut worden ist – im Gegensatz zu jenem am Siebensternplatz, dessen Umriss in der Oberflächengestaltung kenntlich gemacht wurde. Die Suchschächte brachten jedoch anderes zutage.

Lageplan des 1943 projektierten Löschwasserbehälters im Bereich des heutigen Augustinplatzes in Wien-Neubau, Osten ist oben. (© WStLA)
Der Augustinplatz während der Sondage-Arbeiten, Blickrichtung Westen. (Fotos: Stadtarchäologie Wien)

Vom mittelalterlichen Dorf St. Ulrich zur Vorstadt Neubau

Um die südöstlich des Augustinplatzes gelegene Kirche St. Ulrich befand sich zumindest seit dem 13. Jahrhundert ein Dorf mit einem herrschaftlichen Hof, das zunächst Zeismannsbrunn, später nach dem Kirchenpatron St. Ulrich genannt wurde. Im 14. Jahrhundert entstand westlich von ihr eine Siedlungserweiterung „auf der Neustift“ (etwa zwischen Kellermanngasse und Zieglergasse). Davon leitet sich der heutige Straßenname Neustiftgasse ab.
Im Nordwesten des Platzes lag der bis ins Mittelalter zurückreichende St.-Ulrichshof bzw. Oberhof mit Wirtschaftsgebäuden und Gärten. 1629 erwarb das Schottenkloster den Hofkomplex und die dazugehörigen Gründe. Fortan wurde er Schottenhof genannt. Aus den Liegenschaften des Oberhofes entwickelte sich im 16. Jahrhundert die Vorstadt Neubau („Oberes Gut“).
Die ältesten genauen Pläne ab dem 18. Jahrhundert zeugen bereits von einer recht durchstrukturierten Bebauung in diesem Gebiet.

Der Ortskern von St. Ulrich mit dem Schottenhof um 1773. Ausschnitt aus dem Plan von Joseph Anton Nagel, Südwesten ist oben. (© ÖNB)

Die Entstehung des heutigen Platzes

Prägend für die topographischen Verhältnisse im Bereich des Platzes war der von Nordwesten kommende Ottakringer Bach und seine eingeschnittene Talsohle. Wie alte Pläne zeigen, dürfte der Bach bereits Ende des 17. Jahrhunderts teilweise unterirdisch in einem Kanal verlaufen sein. Die in Rohren verlegte Schottenfelder Hofwasserleitung folgte stellenweise dem Verlauf des Ottakringer Bachs. Sie wurde um 1650 erbaut und ist heute nicht mehr in Funktion.
Der Vergleich historischer Karten des 18./19. Jahrhunderts mit der aktuellen Stadtkarte von Wien verdeutlicht, dass es den Augustinplatz in seiner heutigen dreieckigen Form noch nicht gab. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Baulinien der Häuser beiderseits der Neustiftgasse zugunsten eines geradlinigen Verkehrsflusses, vor allem südlich der Gasse, stark verändert. Das bedeutete, dass die bestehenden Häuser demoliert werden mussten und rückversetzt Neubauten entstanden. Durch diesen Eingriff in die Baustruktur konnte der größere Augustinplatz, so wie wir ihn kennen, erst Gestalt annehmen. Der Platzteil westlich der heutigen Kellermanngasse war schon vorhanden. Die Kirchengasse wurde als Verlängerung der bereits bestehenden Schottenhofgasse (heute Kellermanngasse) im Norden bis zur Kreuzung der Burggasse im Süden neu geschaffen.

Lage der drei Sondage-Schächte in der heutigen Stadtkarte überlagert mit den Plänen von Neubau und St. Ulrich von Anton Behsel aus dem Jahr 1825. (Plangrundlagen: ViennaGIS, WStLA, Plan: © Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)

Ergebnisse aus den Sondagen

Die in den Suchschächten geborgenen Keramikscherben stammen vom späten Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert und zeugen von der Jahrhunderte langen Nutzung bzw. Besiedlung dieses Areals.
An baulichen Überresten trat einerseits ein nicht mehr genutzter Abwasserkanal aus dem 19. Jahrhundert in Schacht 1, andererseits ein Stück einer Hausmauer in Schacht 2 zutage. Letzteres gehörte vermutlich zum 1898 abgerissenen Gebäudekomplex Neustiftgasse 37, der von Süden her weit in den heutigen Platzbereich hineinragte.
1779 waren diese zur Vorstadt Neubau gehörenden Häuser mit den Schildnamen „Weißer Ochs“ und „Blaue Kugel“ im Besitz der Erben von Spaun.1 Ab den 1820er Jahren wurden die zwei Hausparzellen unter der Nr. 61 „Zur blauen Kugel“ vereint. Die aufgedeckte Mauer ist aufgrund ihrer Lage im georeferenzierten Behsel-Plan dem einstigen Haus „Weißer Ochs“ zuzuweisen. Unmittelbar vor der Demolierung 1898 angefertigte Fotos zeigen den recht umfangreichen Gebäudekomplex mit zahlreichen Wohnungen und Geschäftslokalen.

Mauerreste des ehemaligen Hauses Neustiftgasse 37 in Schacht 3 und Aufnahme des Hauses vor seiner Demolierung 1898, Blickrichtung Osten. (© Stadtarchäologie Wien, Wien Museum)

Man darf gespannt sein, was die archäologische Untersuchung im Zuge des U-Bahn-Baus auf dem Augustinplatz an weiteren neuen Erkenntnissen zur Siedlungsgeschichte liefern wird. Überreste aus der Römerzeit könnten ebenfalls zutage treten, denn aus der Umgebung sind bereits Funde bekannt. So kam etwa 1912 beim Bau des Hauses Neubaugasse 79 in zwei Meter Tiefe eine Körperbestattung sowie römische Keramik und eine spätantike Münze zutage. In der alten, 1574 abgebrochenen Kirche St. Ulrich soll ein römischer Votivstein für Victoria und Fortuna Augusta eingemauert gewesen sein. All diese Funde könnten auf einen römischen Siedlungsplatz, vielleicht einen Gutshof (villa rustica) im Nahbereich des Ottakringer Bachs hinweisen.

Anmerkung:

  1. Franz de Ponty, Verzeichniß der in der Kaiserl. Königl. Haupt- und Residenzstadt Wien sammt dazu gehörigen Vorstädten und Gründen befindlichen numerirten Häusern, Wien 1779, S. 190 Nr. 1 und 2.