Adresse: Steinergasse 16–18/Geblergasse 47, Wien 17
Anlass: Errichtung eines Neubaus | Grabungsjahr: 2012, 2013
Zeitstellung: Urgeschichte, Römerzeit, Völkerwanderungszeit

Historischer Kontext

Im östlichen Teil des 17. Wiener Gemeindebezirks sind bisher nur wenige urgeschichtliche Funde zutage gekommen. An Bedeutung gewann das Gebiet des heutigen Hernals erst in der Römerzeit. Denn hier steht der grüne bis dunkelgraue „Hernalser Tegel“, ein feinkörniges Sediment unter anderem aus Schluff, Ton und Tonmineralen, an. Er eignet sich hervorragend zur Ziegelherstellung. Das wusste auch das römische Militär und errichtete am Alsbach eine Legionsziegelei. Ihr Standort befand sich etwa 3 Kilometer vom Lager entfernt und war mit diesem über eine Fernverkehrsstraße verbunden.

Die beachtliche Ausdehnung der Legionsziegelei, die rund 200 Jahre lang Baumaterial produzierte, lassen zahlreiche Fundmeldungen und Grabungen erahnen. Beginnend mit den ersten vermerkten Ziegelfunden aus den Jahren 1747/48, mehren sich die Belege für diese bedeutende Produktionsstätte kontinuierlich. Zuletzt konnte 2017 in der Steinergasse 17 eine weitere Trockenhalle nachgewiesen werden.

Hernals im Jahr 1819 mit den heute bekannten römerzeitlichen Fundstellen. (Plan: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser, Ch. Ranseder)

Ergebnisse der archäologischen Dokumentation

Urgeschichte

Zu den ältesten Funden in Hernals zählen einige frühneolithische Scherben aus einer kleinen Grube im Süden des Grabungsareals Steinergasse 16–18. Sie zeigen für die Linearbandkeramische Kultur (ca. 5000 v. Chr., Neolithikum) typische Merkmale, wie Verzierungen aus breiten eingetieften Linien und knubbenförmige Handhaben.
Etwa 25 Meter weiter nördlich konnten uncharakteristische, vermutlich bronzezeitlich zu datierende Keramikbruchstücke aufgelesen werden.

Zwei stark abgerollte Scherben von Gefäßen aus dem frühen Neolithikum, Linearbandkeramische Kultur. (Foto: Stadtarchäologie Wien/Ch. Ranseder)
Die römische Ziegelei

Im Zuge der Grabung kamen erstmals Befunde zutage, die es erlauben den Produktionsprozess der Ziegel zu begleiten.

Übersichtsplan zu den 2012/13 aufgedeckten Befunden. (Plan: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)

Zunächst musste der Rohstoff zerkleinert, gewässert und einige Wochen lang eingesumpft werden. Dies geschah in Sumpf- oder Tretgruben. Eine davon konnte auf dem Grabungsareal nachgewiesen werden. Sie lag unmittelbar neben einer Trockenhalle, das dafür benötigte Wasser wurde mithilfe tönerner Rohre zugeleitet.

Nachdem die Ziegel geformt worden waren, mussten sie trocknen, um ein Zerspringen während des Brennvorganges zu verhindern. Dies geschah in luftigen Holzbauten, den sog. Trockenhallen. Pfostengruben und Balkengräbchen von einer dieser Hallen lassen auf eine Grundfläche von ca. 14 x 50/60 m schließen und belegen damit deren stattliche Größe.

Eine Sumpfgrube mit einem Durchmesser von ca. 3 m und einer Tiefe von 0,90 m. Bruchstück eines römischen Wasserleitungsrohres aus Ton. Die tragenden Pfosten der Trockenhalle waren mit großen Steinen verkeilt. (Fotos: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser, N. Piperakis)

Als sensationell erwiesen sich die Überreste von zwei Ziegelbrennöfen.
Ein römischer Ziegelbrennofen bestand aus einer in das Erdreich eingetieften Heizkammer, in die ein Schürkanal führte, der von einer vorgelagerten Arbeitsgrube aus mit Holz bestückt wurde. Über die als Lochtenne ausgeführte Decke der Heizkammer stieg die heiße Luft in die darüber liegende eigentliche Brennkammer. In dieser waren die Rohziegel gestapelt.

Von den beiden in der Steinergasse aufgedeckten Öfen waren jeweils die Heizkammer, der Schürkanal und die Arbeitsgrube sowie die Fundamente der aufgemauerten Brennkammer erhalten geblieben. Als besonders eindrucksvoll erwiesen sich die Gewölbebögen, die ursprünglich als Unterkonstruktion einer Lochtenne dienten.

Ofen 1. Grabungsplan. Ein Blick in die Heizkammer mit Ziegelplattenboden, seitlichen Bänken und Rest eines Stützpfeilers. (Plan/Foto: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)
Ofen 2. Grabungsplan. Arbeitsgrube vor der verfüllten Heizkammer. Stützpfeiler für die Gewölberippen in der Heizkammer. Die Gewölberippen der Heizkammer von oben gesehen. Ziegelplattenboden in der Heizkammer. Heizkammer mit seitlichen Bänken. (Plan/Fotos: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser)

Zur Produktpalette der Legionsziegelei zählten Leistenziegel (tegula), halbrunde Dachziegel (imbrex) und Stirnziegel (antefix) mit Masken, Adlermotiv oder Ornamenten. Ziegel für Heizanlagen (tubuli, later) und Plattenziegel (bipedales, sesquipedales) für Fußböden rundeten das Sortiment ab.

Produkte der Legionsziegelei: Dachziegel. Ziegel mit Stempel der 10. Legion (2./3. Jh. n. Chr.), 13. Legion (97/98 oder 101 n. Chr.) und 14. Legion (97/98 oder 101−114 n. Chr.). (Fotos: Stadtarchäologie Wien/Ch. Ranseder, M. Mosser)

Bei der Datierung der Ziegel helfen die auf ihnen zu findenden Stempel. Nachgewiesen sind Stempel der 13. und 14. Legion sowie der 10. Legion. Damit lässt sich die Nutzung des Ziegeleigeländes auf den Zeitraum vom Ende des 1. bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts eingrenzen.

Zwei Bestattungen aus dem frühen 9. Jahrhundert

Eine Überraschung stellte die Auffindung von zwei spätawarenzeitlichen Bestattungen im Bereich des römischen Ziegelbrennofens 2 dar.

In der Arbeitsgrube vor dem Ofen war eine 25−35 Jahre alte Frau in gestreckter Rückenlage zur letzten Ruhe gebettet worden. Als Beigaben hatte sie ein Töpfchen und ihren persönlichen Schmuck, bestehend aus Ohrringen und einer Glasperlenkette, erhalten. Ein schwerer, auf ihrer Brust platzierter Stein und ein weiterer kleiner Stein in ihrer Augenhöhle sollten sie vermutlich daran hindern, wiederzukehren und die Lebenden heimzusuchen.

Ein zweites Grab fand sich im Inneren des Ofens zwischen den Gewölberippen des Heizraumes. Es handelte sich um die sterblichen Überreste eines 15−17-jährigen Mannes. Das Skelett in gestreckter Rückenlage war allerdings im Bereich von Oberkörper und Kopf in sehr schlechtem Zustand, ebenso die anhaftenden Textilreste. Als Beigaben waren zu seinen Füßen ein Töpfchen und an der rechten Hüfte ein Holzeimer, dessen Dauben von Eisenbändern zusammengehalten wurden, platziert worden.

Die Lage der beiden Bestattungen aus dem frühen 9. Jahrhundert im Bereich des römischen Ziegelbrennofens 2. (Plan: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser, Ch. Ranseder)
Das Frauengrab 1. Das beigegebene Töpfchen sowie Ohrringe und Glasperlenkette der Verstorbenen. (Fotos: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser, B. Tobias)
Das Männergrab 2. Das Töpfchen und eine Rekonstruktion des Eimers. (Fotos, Rekonstruktion: Stadtarchäologie Wien/M. Mosser, B. Tobias, G. Mittermüller)

Datum: 06.10.2021 | AutorIn: M. Mosser, Ch. Ranseder

Literatur (Auswahl)