Autorin: Christine Ranseder

Eines unserer Grabungsteams fand in Aspern-Seestadt zwar nicht den Topf am Ende des Regenbogens, aber immerhin eine prall mit Münzen gefüllte Geldbörse. Sie kam als Streufund unmittelbar bei einem Grab von in der Schlacht von Aspern (1809) gefallenen Soldaten zu Tage. Zugegeben, der nach der Bergung noch feuchte Fund sah recht unansehnlich aus. Spannend − und eine Seltenheit − ist das Lederbörserl trotzdem. Nicht nur, weil alle wissen wollten: Was ist drin?
Bei ihrer Auffindung gab sich die Geldbörse zugebunden. Der Verschlussriemen war so stark festgezogen, dass sich im Leder die Umrisse des Inhalts abzeichneten. Beim vorsichtigen Öffnen bestätigte sich der Verdacht, dass es sich um zahlreiche Münzen handelte. Sie wurden zur Konservierung entnommen.

Doch nicht das Geld weckte mein Interesse, sondern das Innenleben der kleinen Börse. Man könnte es bei der schlichten Beschreibung des Bestands belassen: rechteckige Geldbörse mit mehreren Fächern, Überschlag und Verschlussriemen, der durch einen Querriegel geführt ist. Doch an mir nagten Fragen. Wie ist die Geldbörse konstruiert? Wo steht sie in der Entwicklungsgeschichte dieses Accessoires?
Ein Leben ohne Bankkarte
Zur Mitnahme von Münzen erfreuten sich im 18. Jahrhundert vor allem schildförmige Börsen mit metallenem Bügel sowie kleine Zugbeutel großer Beliebtheit. Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts kamen die schlauchartigen, elastischen Geldstrümpfe auf. Keine dieser Geldbörsen ähnelt unserem Fund, für mögliche Vorbilder muss man sich unter den meist textilen, reich bestickten Brieftaschen umsehen. In ihrer einfachsten Form glichen sie einem Kuvert. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kamen Brieftaschen ohne Überschlag in Mode, die zusammengeklappt werden konnten und an jeder Seite ein Innenfach besaßen. Darüber hinaus gab es Brieftaschen mit Überschlag und geräumigerem Innenleben. An den zusammenklappbaren Exemplaren waren Fächer an beiden Innenseiten, meist mit dem Eingriff zur Taschenmitte hin, angebracht. Bei der kuvertartigen Variante öffneten sich durch Trennwände gebildete Fächer nach oben. Vorweggenommen: Unser Fund gehört in die letzte Kategorie. Aktenmappen aus Leder waren ähnlich aufgebaut.
Zeigʼ mir dein Inneres
Im konservierten, trockenen Zustand gibt unser Fundstück Konstruktionsdetails preis. Die Geldbörse besteht insgesamt aus fünf Teilen: dem rechteckigen Außenblatt, zwei Trennblättern, dem Verschlussriemen und dem Querriegel, durch den er gezogen wird. Die Nahtzugabe am Außenblatt beträgt etwa 5 mm. Von den Nähten aus wenigen, sehr unregelmäßig gesetzten Vorstichen sind nur noch die Stichlöcher und der Abdruck des Nähguts vorhanden, der Faden hat sich leider im Boden zersetzt.

Die Ecken des Überschlags sind unterschiedlich gearbeitet. Eine Ecke ist gerundet mit gefältelter Nahtzugabe. An der gegenüberliegenden Seite ist die Nahtzugabe eingeschlagen, sodass eine spitze Ecke entsteht. Letztere wurde durch das Einschieben in die Hosentasche nach außen gebogen und verblieb in dieser Position.
Der Verschlussriemen sitzt mittig am Überschlag. Es handelt sich um einen schmalen, in der Mitte gefalteten Lederstreifen, dessen beiden Teile mit einer bis zur Spitze geführten Naht fixiert werden. Überwendliche Stiche fassen die beiden Lagen am Abschluss zusammen, sodass dieses Ende gut durch den Querriegel geführt werden kann. Dieser befindet sich auf der Rückseite der Geldbörse. Der Lederstreifen ist von außen in die dafür am Außenblatt eingeschnittenen Schlitze, die nicht auf derselben Höhe liegen, gesteckt.

Im Inneren der Geldbörse ist zu erkennen, dass die Schmalseiten der Trennblätter unter die Nahtzugabe geschoben, festgenäht und eingefaltet wurden. Nach dem Zusammenklappen der Börse erfolgte das Zusammenfassen der Außenkanten der nun gegenüberliegenden Trennblätter mit einer Naht. So entstanden drei Fächer: Zwei geräumige für Münzen und ein schmales Fach für Objekte aus Papier.

Minimaler Aufwand, maximaler Nutzen
Zusammenfassend lässt sich Folgendes feststellen: Offensichtlich wurde darauf geachtet, sowohl den Materialverbrauch als auch den Arbeitsaufwand möglichst gering zu halten. Die Ausführung unseres Fundes lässt jedoch zu wünschen übrig. Die Geldbörse dürfte also nicht von einem professionellen Taschenmacher, sondern von einem Laien hergestellt worden sein. Möglicherweise hatte sich ein Soldat, der 1809 in der Schlacht von Aspern kämpfte, selbst ein Behältnis für seinen Sold genäht.
Die Rekonstruktion
Da es mir ein Anliegen war, auch den Aspekt der Experimentalarchäologie für die Aufarbeitung zu berücksichtigen, habe ich die Geldbörse nachgeschneidert. Leder war nicht zur Hand, aber unter meinen Stoffresten fand sich noch ein Stück textiles Raulederimitat. Ein Schnittmuster mit den Originalmaßen war schnell gezeichnet. Das Zusammensetzen der Teile erwies sich wegen ihrer geringen Größe als ein Gefummel, aber das Nähen mit schlampig ausgeführten Vorstichen ging relativ flott.

Sie wollen wissen, ob die kleine Geldbörse praktisch ist? Definitiv! Ich habe das nachgeschneiderte Täschchen, prall mit Münzen gefüllt in die Hosentasche gestopft und einen Tag verwendet.
Falls auch Sie jetzt Lust haben, zu Stoff, Nadel und Faden zu greifen: Laden Sie sich einfach die Anleitung herunter!
Über die Münzen, die sich in der Geldbörse befanden, wird Ihnen meine Kollegin Constance Litschauer in einem anderen Blog etwas erzählen.